US-Demokraten
Leise Zweifel

Eigentlich sollte der demokratische Parteitag in Denver nächste Woche vor allem eines sein: Ein Versöhnungsfest für das Obama- und das Clinton-Lager.

Die Wunden, die der lange Vorwahlkampf geschlagen hatte, sollten geheilt, neuer Schwung für die heiße Wahlkampfphase sollte getankt werden. Doch kurz vor der Krönungsmesse erwachsen neue Zweifel an der Siegestauglichkeit des Kandidaten. Denn statt in den Umfragen souverän zu führen, liefert sich Barack Obama mit seinem republikanischen Kontrahenten John McCain ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Dabei hat sich der grundsätzliche Trend in den USA nicht etwa gedreht. Eine große Mehrheit der Amerikaner gibt in Umfragen weiterhin an, im Herbst demokratisch wählen zu wollen. Die Bilanz der Bush-Jahre fällt unverändert negativ aus, lediglich 16 Prozent der Wähler glauben, die USA befänden sich auf dem richtigen Weg. Und auch der Enthusiasmus für John McCain hält sich unter den republikanischen Anhängern in sehr überschaubaren Grenzen. Gleichzeitig beherrscht Obama nach wie vor die Schlagzeilen in den Medien.

Dennoch gelingt es dem Senator nicht, daraus entsprechend Kapital zu schlagen. Mehr noch: Obama hat in den vergangenen zwei Wochen kontinuierlich an Zustimmung verloren. Das zeigt sich am deutlichsten bei der Imagebewertung von Obama: Dachten im Juni noch 59 Prozent der Amerikaner vor allem positiv über den 47-Jährigen, so sind es jetzt nur noch 48 Prozent. Und mehr als früher werden an dem Kandidaten nun auch negative Seiten registriert.

Die Gründe dafür liegen nicht alleine in der Wahrnehmung seiner Rolle während der Georgien-Krise. Auch wenn ihm sein abwägendes Auftreten gegenüber dem polternden, aber energisch wirkenden McCain vielleicht geschadet hat. Doch erklärt dies nicht den grundsätzlichen Trend. Tatsächlich erfährt Obama in diesen Wochen, dass die Wahl 2008 vor allem von der Einschätzung seiner Person abhängt. Es geht diesmal weniger um die Alternative zwischen zwei Bewerbern. Es geht darum, ob die Amerikaner sich bei dem Gedanken an einen Präsidenten Obama wohlfühlen oder nicht. Wenn nicht, dann profitiert McCain - ohne größeres eigenes Zutun. Es ist deshalb Obama, der die Wahl verlieren kann und weniger McCain, der sich aus eigener Kraft den Sieg holt.

Trotz der langen Vorwahlen, trotz der unzähligen Debatten, trotz der medialen Durchleuchtung der Bewerber scheint es jetzt, als würden die Amerikaner einen zweiten, vielleicht genaueren Blick auf den afroamerikanischen Senator werfen. Waren die Vorwahlen noch ein Spektakel ohne größere Konsequenzen - schließlich ging es ja zunächst nur um die interne Auswahl -, wird es nun wirklich ernst. Obama wird in mehrfacher Hinsicht neu auf seine Tauglichkeit untersucht: als Präsident einer Supermacht, als Oberbefehlshaber über die schlagkräftigste Streitmacht der Welt und als Politiker in der Washingtoner Schlangengrube.

Zehn Wochen vor dem Wahltermin scheint auf einmal weniger eine Rolle zu spielen, dass Barack Obama kluge Konzepte für eine Gesundheitsreform, die Förderung des Mittelstandes oder den Umweltschutz präsentiert. Unter Beobachtung stehen vielmehr seine charakterlichen Eigenschaften, die Art seines Auftretens - und unausgesprochen natürlich auch die Tatsache, dass er der erste US-Präsident mit schwarzer Hautfarbe wäre. Deshalb erzielen John McCains Wahlspots auch die größte Wirkung, wenn sie auf vermeintliche Schwachpunkte von Obamas Person gerichtet sind. Als der Republikaner ziemlich unverfroren Obama mit den Skandal- und Promisternchen Britney Spears und Paris Hilton in einen Zusammenhang stellte, hatte er nur eine Botschaft im Sinn: Wollt ihr Amerikaner tatsächlich einen Popstar zum Präsidenten wählen? Ob unfair oder nicht: Der Werbespot verfing. Für viele Amerikaner hat Obama wegen des zuweilen überbordenden Rummels um ihn bereits einiges von seinem Glanz verloren.

Ob die pompöse Choreografie des Parteitags daher tatsächlich ihren Zweck erfüllen und Obama nachhaltig in neue Umfragehöhen katapultieren wird, bleibt abzuwarten. Wenn der Senator am kommenden Donnerstag auf dem Invesco-Football-Feld in Denver vor 70 000 Fans offiziell die Nominierung annimmt, dann wird dieses Spektakel für die Skeptiker jedenfalls nur ein weiterer Beleg ihrer These sein: dass Obama mehr Volkstribun ist denn ernstzunehmender Politiker.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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