US-Immobilienkrise
Total pragmatisch

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Etwas ist faul in den Staaten Amerikas. Wenn selbst der frühere Notenbank-Chef Alan Greenspan nach Staatshilfen für die notleidenden Hausbesitzer in den USA ruft, scheint der ordnungspolitische Kompass der amerikanischen Wirtschaftselite nicht mehr zu funktionieren. Greenspan ist bekanntlich ein geistiger Jünger der amerikanischen Sozialphilosophin Ayn Rand, die als radikale Laisser-faire-Anhängerin jeden Staatseingriff verteufelt hat. Das hält den früheren Fed-Chef jedoch nicht davon ab, im Zeichen der Immobilienkrise direkte Zahlungen aus der Steuerkasse an einkommensschwache Häuslebauer zu fordern.

In Zeiten der Not werden offenbar selbst überzeugte Marktliberale schwach und opfern ihre Prinzipien auf dem Altar des politischen Pragmatismus. US-Finanzminister Hank Paulson zieht seit Wochen im Hintergrund die Strippen, um Banken und Hausbesitzer vor dem angeblichen Ruin zu retten. Erst ruft er für die Finanzwelt einen sogenannten „Superfonds“ ins Leben, bei dem die Finanzhäuser ihre riskanten Kreditderivate abladen können. Wenig später verblüfft er die Welt mit dem Plan, die Hypothekenzinsen für bestimmte Schuldner eine Zeit lang einfach einzufrieren – und damit in bestehende Verträge einzugreifen. Ist das noch derselbe Paulson, der die Investmentbank Goldman Sachs nach allen Spielregeln der kapitalistischen Kunst zum Primus der Wall Street gemacht hat?

Auch die amerikanische Notenbank unter ihrem Chairman Ben Bernanke ist längst den Hilferufen erlegen. Mit kräftigen Zinssenkungen und zusätzlichen Liquiditätsspritzen eilt sie einer Wirtschaft zur Hilfe, die ohne billiges Geld, glaubt man den Kassandra-Rufern, sofort zusammenbrechen würde. Dass die Fed-Medizin auf den Geldmärkten dennoch nicht die erhoffte Wirkung erzielt, zeigt, wie begrenzt ihre Möglichkeiten in der Kreditkrise sind. Das hält Bernanke & Co. jedoch nicht davon ab, die Dosis zu erhöhen.

Anderswo auf der Welt reibt man sich verwundert die Augen wegen der konzertierten Rettungsaktion von Staat und Notenbank: Waren es nicht die USA, die den Japanern in deren Immobilienkrise Anfang der 90er-Jahre rieten, sie müssten alle Risiken offenlegen und den Heilungskräften des Marktes folgen? Und waren es nicht die USA, die hochverschuldeten Staaten wie Argentinien mithilfe des Internationalen Währungsfonds die oft bittere Medizin einer Marktlösung verordneten? Wenn Amerika in Zukunft als Lehrmeister des Kapitalismus um den Globus zieht, werden viele nicht mehr hinhören.

Die USA haben es aber auch früher schon mit ihren kapitalistischen Prinzipien nicht immer so genau genommen. Nach der großen Depression Anfang der 30er-Jahre gründete die US-Regierung eine staatliche Agentur, die den Banken ihre faulen Hypothekenkredite zum Discountpreis abnahm, um den Schuldnern günstigere Refinanzierungen zu bieten. Nach der „Savings-&-Loan-Krise“ Ende der 80er-Jahre zahlte der Staat mehr als 125 Mrd. Dollar der Verluste aus dem Steuersäckel. Es ist auch heute verständlich, wenn insbesondere einkommensschwache Hausbesitzer nach der helfenden Hand des Staates rufen. Die Verantwortung von Politikern und Notenbankern ist es jedoch, mit ihren Rettungsaktionen nicht noch mehr Schaden anzurichten, indem sie ein Ende der Finanzkrise unnötig hinauszögern. Genau das ist jedoch bei den meisten Vorschlägen der Fall. Kurioserweise ist das inzwischen auch vielen Unternehmen und Investoren aufgegangen, so dass sie statt auf die Staatshilfe lieber auf Marktlösungen setzten.

Der von Paulson ins Leben gerufene Rettungsfonds für banknahe „Structured Investment Vehicles“ (SIVs) ist dafür ein gutes Beispiel. Der Superfonds sollte den SIVs bekanntlich riskante Kreditderivate abnehmen, um eine Panik zu verhindern. Inzwischen haben sich jedoch Großbanken wie Citigroup und HSBC dazu durchgerungen, die Risiken ihrer Zweckgesellschaften lieber in die eigenen Bücher zu nehmen. Ihnen ist offenbar klargeworden, dass der Fonds ihr Leiden nur verlängern würde. Die staatlich initiierte Rettungsaktion ist damit obsolet, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Ein ähnliches Schicksal droht auch dem Plan, die Hypothekenzinsen einzufrieren. Wird dadurch doch nur die Preisfindung auf dem Immobilienmarkt hinausgezögert. Künftige Hypothekennehmer müssen zudem mit einem politischen Risikoaufschlag rechnen. Um das zu verhindern, fordert Greenspan jetzt als kleineres Übel direkte Zahlungen an die Betroffenen aus dem Steuertopf. So kann man dem Altmeister zumindest zugute halten, dass sein Pragmatismus einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Abwägung entspringt. Das Gleiche lässt sich von den Paulson-Vorschlägen leider nicht sagen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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