US-Konjunktur
Analyse: Überspannte Erwartungen

Kurz vor der 10 000er-Marke kamen die alten Zweifel zurück. Der US-Börsenindex Dow Jones hat die magische Hürde nicht nehmen können. Im Gegenteil: die Woche ging mit einem Verlust von 1,4 Prozent zu Ende. Einige Investoren scheinen einfach kalte Füße zu bekommen. Sie haben die bisherigen Kursgewinne eingesteckt.

Kurz vor der 10 000er-Marke kamen die alten Zweifel zurück. Der US-Börsenindex Dow Jones hat die magische Hürde nicht nehmen können. Im Gegenteil: die Woche ging mit einem Verlust von 1,4 Prozent zu Ende.

Einige Investoren scheinen einfach kalte Füße zu bekommen. Sie haben die bisherigen Kursgewinne eingesteckt. Andere – und das wiegt schwerer – misstrauen offensichtlich noch immer dem Aufschwung in Amerika.

An den Unternehmen kann es jedenfalls nicht liegen. Die meisten haben die Gewinnerwartungen der Wall Street erfüllt oder gar übertroffen. Von 323 der im Standard & Poor’s-500-Index zusammengefassten US-Firmen konnten zwei Drittel ihre Profite im dritten Quartal über das von den Analysten erwartete Maß hinaus steigern. Insgesamt haben die Unternehmen ihre Gewinne gegenüber dem Vorjahr um rund 20 Prozent verbessert. Und für die letzten drei Monate des Jahres ist eine ähnlich große Zunahme bereits avisiert.

Dass die Börsianer ihre Rally dennoch erst einmal abgebrochen haben, liegt zum einen daran, dass die robusten Unternehmensgewinne bereits in den Kursen eingepreist waren. Zum anderen scheinen die Erwartungen wieder einmal der Realität davonzulaufen. „Gut ist eben nicht gut genug“, heißt es lapidar an der Wall Street.

Der Softwareriese Microsoft ist dafür ein gutes Beispiel: die Firma von Bill Gates hat nicht nur ihren Gewinn und Umsatz gesteigert, sondern auch noch ihre Prognose für 2004 angehoben. Zu wenig für die Börse, der Kurs fiel um acht Prozent. Ähnliche Erfahrungen mussten die beiden Großbanken Citigroup und JP Morgan machen, die trotz Rekordergebnissen ebenfalls Kursverluste verbuchten.

Angesichts solcher Marktreaktionen warnt Chuck Hill, Research-Direktor beim Finanzinformationsdienst Thomson Financial, davor, die Erwartungen zu übertreiben und das starke Gewinnwachstum einfach bis ins nächste Jahr fortzuschreiben. „Die hohen Erwartungen können möglicherweise nicht erfüllt werden“, sagt Hill. Mit anderen Worten: Enttäuschungen auf Seiten der Investoren sind programmiert.

Vorsicht geboten ist nicht nur bei den Firmenergebnissen, sondern auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Zwar wird das amerikanische Handelsministerium am Donnerstag ein annualisiertes Wirtschaftswachstum von mindestens sechs Prozent für die Monate Juli bis September melden. Dieser Wachstumsschub ist jedoch das Ergebnis einer beispiellosen Stimulierung durch die Fiskal- und Geldpolitik. US-Präsident George W. Bush hat mit insgesamt drei Steuersenkungen Milliarden Dollar in die Wirtschaft gepumpt.

Zugleich hält die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) die Leitzinsen seit geraumer Zeit auf dem niedrigsten Stand seit der Kennedy-Ära. Das hat wesentlich zu der Explosion von Gewinnen und Erwartungen in der US-Wirtschaft beigetragen.

Ob die Anschubhilfe von Regierung und Notenbank jedoch ausreicht, um einen sich selbst tragenden Aufschwung zu erreichen, hängt entscheidend vom Investitionsverhalten der Unternehmen ab. Neue Investitionen sind die Voraussetzung für neue Arbeitsplätze und sorgen über ihren Multiplikatoreffekt auch für dauerhaftes Wachstum. Ohne neue Investitionen wird die Stimulierung dagegen im nächsten Jahr langsam verpuffen und die US-Wirtschaft wieder hinter ihre Wachstumsmöglichkeiten zurückfallen.

Noch fließen Investitionen in neue Maschinen und Anlagen nur spärlich. Vor allem die hohen Staatsausgaben und der private Verbrauch tragen die wirtschaftliche Erholung in den USA. Nach Angaben von Microsoft steigen die Ausgaben für neue Informationstechnologien nur langsam. Angesichts einer Kapazitätsauslastung von knapp 75 Prozent in der Industrie ist es auch kein Wunder, dass sich viele Firmen noch zurückhalten. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage lässt sich ohne Probleme mit dem bestehenden Maschinenpark befriedigen.

Ökonomen der Investmentbank Goldman Sachs schätzen, dass die amerikanische Wirtschaft zwei Jahre lang mit einer Jahresrate von mindestens vier Prozent wachsen muss, um die Überkapazitäten auf den Güter- und Arbeitsmärkten zu beseitigen.

Amerika braucht mehr Zeit, um sich von der Überinvestitionskrise der 90er-Jahre zu erholen. Die Investoren sollten mehr Geduld aufzubringen und ihre Erwartungen dämpfen – zumal die Gefahr besteht, dass die wirtschaftliche Erholung in den USA noch durch die negativen Folgen der enormen Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizite verzögert wird.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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