US-Konjunktur
Schmieröl für die Krise

Die Marke 100 Dollar hat Angst gemacht, bei 120 Dollar blieb immerhin noch die Hoffnung. Gestern, als der Preis für ein Barrel Öl in Asien erstmals über 135 Dollar kletterte, folgte die Resignation.
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Führende Fluggesellschaften parken ihre Jets am Boden, Verbraucher schränken (endlich) ihre Autofahrten ein, Politiker rufen nach einem internationalen Krisengipfel. Und Anleger fliehen aus Aktien. So überraschend diese Zuspitzung erscheinen mag: Über Nacht kommt die Entwicklung nicht.

Mit Blick auf die hartnäckige Krise in den USA, die das Vertrauen in den Dollar massiv schwächt und die Flucht in Rohstoffe begünstigt, empfiehlt sich eine nüchterne Bestandsaufnahme. Investoren haben dabei mit Schrecken festgestellt: Die seit Wochen andauernde Erholung an den Finanzmärkten hat kein Fundament. Der US-Börsenindex Dow Jones hat innerhalb weniger Tage mehr als 400 Punkte eingebüßt und damit all jene auf dem falschen Fuß erwischt, die schon wieder zum fröhlichen Einstieg in den Aktienmarkt geblasen hatten.

Dass die US-Wirtschaft zurück ist auf hoher See, erklärt sich nicht allein mit Blick auf die anhaltende Ölpreis-Hausse. In den vergangenen Wochen hat sich zwar die Stimmung im Epizentrum der Krise deutlich verbessert, nicht aber die Lage. Die fallenden Hauspreise haben von Florida bis Kalifornien den Boden noch nicht gesehen, das Verbrauchervertrauen im Konsum-Wunderland liegt auf einem 28-Jahres-Tief, der Arbeitsmarkt steckt im Rezessionsmodus fest. Dass der Ölpreis als konjunkturelle Gefahrenquelle viel zu lange unterschätzt wurde, obwohl er schon seit Monaten kein Halten mehr kennt, kommt nur erschwerend hinzu. Sehen so Vorboten für den nächsten Aufschwung aus?

Der jüngste Stimmungswechsel, intoniert von führenden Bankern und Investmentlegenden, war irreführend. Wo im März noch das Bild der großen Depression gemalt wurde, spürten Finanzmarkt-Künstler im Wonnemonat Mai plötzlich die große Erleichterung. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan wähnt die USA seitdem nicht mehr in der „Agonie einer Rezession“, sondern nur noch in einer schwachen Phase. Finanzminister Henry Paulson erklärte das Schlimmste der Finanzkrise für beendet und sieht die USA inzwischen „auf dem richtigen Weg zu einem stärkeren Finanzsystem“.

Gewiss: Das Vertrauen einiger Investoren in Teile des Kreditmarktes ist zurückgekehrt, es gibt nach einer gedanklichen Pause wieder Käufer für milliardenschwere Schuldenpakete und die berechtigte Hoffnung, dass die massiven Eingriffe der Notenbanken ihre Wirkung entfalten. Dass sich wesentliche Teile der US-Wirtschaft im ersten Quartal 2008 als widerstandsfähig gegen die Wall-Street-Turbulenzen erwiesen haben (wenn auch nur wegen des billigen Dollars), ist ebenfalls ein gutes Zeichen. Für eine Entwarnung ist es aber entschieden zu früh. Amerika ist und bleibt an der Schwelle einer handfesten Rezession, weil seine Wirtschaft zahlreichen Gefahrenherden ausgesetzt ist, die mit herkömmlichen Werkzeugen der Finanzpolitik nicht zu bekämpfen sind. Schon gar nicht kurzfristig.

Beispiel Konsum: Der wichtigste US-Konjunkturmotor wird nicht nur von fallenden Häuserpreisen, rekordhohen Privatschulden und zusehends schärferen Kreditkonditionen belastet, sondern darüber hinaus durch dramatisch steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise. Die größte Volkswirtschaft der Welt ist mit Blick auf ihre finanziell ausgebluteten Verbraucher noch nicht ansatzweise am Ende der Krise, hier fangen die Probleme 2008 erst richtig an. Der Staat springt ein, wo er kann – jetzt mit Steuerschecks und bald wohl mit Hilfen im Häusermarkt.

Doch selbst Fed-Offizielle wie Vize-Chairman Donald Kohn rechnen damit, dass der Binnenverbrauch so lange lahmen wird, bis Konsumenten ihren Schuldenstand verringert und die Sparquoten erhöht haben. Das aber schlägt auf die Wirtschaft zurück, insbesondere auf den Schlüsselsektor Banken, kaum dass der seine horrenden Milliardenverluste aus der Subprime-Krise verdaut hat. Eine längere Periode der ausgeprägten Wachstumsschwäche ist vor diesem Hintergrund noch das beste Szenario, das sich Optimisten ausmalen dürfen. Die schier außer Kontrolle geratenen Rohstoffpreise sind nur weiteres Schmiermittel für die Krise.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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