US-Konsum
Tempel der Angst

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Es ist nur eine Randnotiz, aber eine wegweisende: In der Vorwoche ist in New York eine hochkarätig besetzte Kunstauktion grandios gescheitert. Von 30 Werken auf der „Impressionist & Modern Art“ erhielten 21 kein Gebot, unter ihnen Gemälde von Picasso, Monet, Matisse und Miro.

Was das Feuilleton des „International Herald Tribune“ als „beispielloses Desaster“ bewertet, ist möglicherweise Vorbote einer Entwicklung, die Tag für Tag weitere Kreise zieht. Denn die Subprime-Krise beschäftigt in den USA längst nicht mehr nur die über beide Ohren verschuldete Subprime-Kundschaft. Sie erfasst inzwischen selbst Branchen, die bis gestern noch dachten, unendlich weit weg zu sein von komplexen Finanzabenteuern wie SIV, CDO oder ABS.

Dass Amerikas Discounter über schleppende Geschäfte klagen und die heimischen Autobauer rückwärts fahren, füllt seit Monaten die Gazetten. Neu ist, dass auch in luxuriösen US-Konsumtempeln wie Nordstrom oder beim Edelschneider Polo Ralph Lauren die Kunden fehlen. Selbst die erfolgreichsten Banker an der Wall Street bangen vor dem Monat Dezember: Sie werden 2007 als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem ihre bisher so großzügigen Boni empfindlich gekappt wurden.

Die Krise kommt, die Konsumlaune geht. Ausgerechnet vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft drehen in der Konsumrausch-Nation USA alle wichtigen Stimmungsindikatoren in den roten Bereich: Der viel beachtete Consumer-Sentiment-Index der Universität Michigan ist Anfang November auf den zweitniedrigsten Stand seit 15 Jahren gefallen. Nur der todbringende Hurrikan Katrina hat den Amerikanern mehr Angst eingejagt als die Folgen der Kreditkrise mit ihren steigenden Zinsen bei fallenden Hauspreisen. Für eine Nation, deren Konjunktur zu 70 Prozent vom Verbraucher abhängt, sind das gefährliche Signale. Selbst Notenbankchef Ben Bernanke hat eingeräumt: Der Konsum droht zu kippen.

Woher kommt dieser plötzliche Wandel in den USA? Anlässe, sich beim Verbrauch einzuschränken, hat es schon in den vergangenen Jahren reichlich gegeben: den Börsencrash nach dem Platzen der New-Economy-Blase, die Terrorattacken des 11. September, die hohe private Verschuldung oder die seit Jahren steigenden Energiepreise. Die Amerikaner haben munter weiter gekauft, gegen alle Prognosen, immer wieder gestützt von soliden Einkommenszuwächsen und steigenden Immobilienpreisen. Dass sie dabei noch höher ins private Risiko gingen und inzwischen allein Kreditkartenschulden von 920 Milliarden Dollar angehäuft haben, ist nicht weiter aufgefallen: In den USA wird nicht gespart, sondern gelebt – bis zum Tag der Abrechnung.

Weil irgendwann auch Familien mit schwacher Kredithistorie und kaum fünf Prozent Eigenkapital ein Haus kaufen wollten und durften, nahm die Subprime-Krise ihren Lauf. Jetzt rollt eine Welle von Privatkonkursen und Zwangsvollstreckungen durchs Land, die für sich genommen wohl noch keine große Gefahr für den US-Konsum darstellt. Doch die Misere kommt zur Unzeit, weil sich diesmal viele weitere Belastungsfaktoren addieren. Zwar steigen die Einkommen in den USA noch immer und damit die wichtigste Geldquelle der Verbraucher. Das Jobwachstum aber hat sich im Vergleich zu früheren Jahren deutlich verlangsamt. All die Preissteigerungen für zahlreiche Produkte und Dienstleistungen sind damit längst nicht mehr auszugleichen. Die Volkswirte der Investmentbank Morgan Stanley gehen davon aus, dass der US-Wirtschaft durch die Kombination aus steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreisen allein im Schlussquartal 2007 mehr als 70 Milliarden Dollar an Kaufkraft entzogen werden. Hinzu kommen galoppierende Kosten für die Gesundheitsvorsorge sowie teils gravierende Zinserhöhungen, weil sich Millionen von Amerikanern im Häuserboom 2005 und 2006 Hypothekendarlehen mit variablem Zins aufschwatzen ließen. Nach anfänglichem Lockzins steigen deren Raten ab dem dritten Jahr erheblich.

Auch auf dem Immobilienmarkt ist keine Entspannung in Sicht. Experten gehen davon aus, dass der Tiefpunkt noch auf sich warten lässt und die Hauspreise im nächsten Jahr landesweit etwa zehn Prozent an Wert verlieren werden. Acht von zehn US-Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg haben mit einem Abschwung am Immobilienmarkt begonnen. Da ist es kein gutes Omen, dass die aktuelle Krise zusammenfällt mit rekordhohen Energiepreisen und einer regelrechten Panik am Kreditmarkt. Wer soll dem US-Verbraucher diesmal das Weihnachtsgeld auf Pump überweisen? Die Banken streiken neuerdings. Sie müssen erst mal zählen, wie viel Geld sie von der jüngsten Ausleihe zurückbekommen – und wie viel nicht.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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