US-Leistungsbilanzdefizit
Analyse: Euro-Land leidet

Der Aufschwung ist endlich da. Zumindest in den USA. Das zeigen Wirtschaftsdaten und belegen Ergebnisse der Unternehmen. Überkapazitäten, Verschuldung und vor allem das amerikanische Leistungsbilanzdefizit drohen jedoch den erwarteten Aufschwung abzuwürgen, ehe er richtig beginnt.

Der Aufschwung ist endlich da. Zumindest in den USA. Das zeigen Wirtschaftsdaten und belegen Ergebnisse der Unternehmen. Überkapazitäten, Verschuldung und vor allem das amerikanische Leistungsbilanzdefizit drohen jedoch den erwarteten Aufschwung abzuwürgen, ehe er richtig beginnt. Dabei macht weniger das Defizit an sich, sondern dessen Abbau große Sorgen. Euro-Land wird mehr Probleme bekommen als der Verursacher selbst.

Zu einem Leistungsbilanzdefizit kommt es, wenn die Summe der Einfuhren die der Ausfuhren übertrifft. Es wird weniger gespart als investiert. Solange Ausländer bereit waren, täglich zwei Milliarden Dollar in den USA zu investieren, blieben Schieflagen aus. Das zeigten die Boomjahre, als Nicht-Amerikaner ihre Devisen in Dollar tauschten, um US-Aktien zu kaufen. Anschließend sprangen asiatische Notenbanken in die Bresche, als sie US-Anleihen in dreistelliger Milliardenhöhe kauften.

Doch je stärker sich Amerika verschuldet, je weniger Zinsen US- Staatsanleihen abwerfen, je stärker die Arbeitslosigkeit steigt und je mehr Firmen mit Dumpingpreisen ihre Produkte absetzen und damit ihre Gewinne schmälern, desto größer wird das Misstrauen in die stärkste Volkswirtschaft. Die Folge: Weniger Devisen fließen ins Land – das Defizit wird nicht mehr finanziert. Der Dollarkurs fällt, wodurch amerikanische Waren im Ausland billiger werden und Importe sich verteuern. Das Leistungsbilanzdefizit kann wieder sinken.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft, das aktuelle Defizit einzuordnen. Es wird seit gut sieben Jahren aufgebaut und macht fünf Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts – so viel wie noch nie – aus. Stets dauern Phasen des Rückgangs so lange wie die des Anstiegs. Trendwenden wurden durch fallende Dollarnotierungen eingeleitet. In den achtziger Jahren sank der Kurs vor Beginn des Defizitrückgangs um gut 30, anschließend um weitere 20 Prozent. Üblicherweise dauerte es fast zwei Jahre, ehe sich die Dollarschwäche in niedrigeren Defiziten widerspiegelte. Grund ist, dass die Firmen Anpassungszeit brauchen, um auf die Abwertung zu reagieren. Seit Frühjahr 2002 ist der Dollar um gut 25 Prozent gefallen. Im zweiten Halbjahr oder Anfang 2004 sollte demnach das Leistungsbilanzdefizit zurückgehen.

Doch wie wirkt sich der Abbau des Defizits auf Konjunktur und Unternehmen aus? Zwei Szenarien sind denkbar. Im schlimmsten Fall wertet der Dollar weiter ab. Die Importe gehen drastisch zurück, weil die privaten und öffentlichen Haushalte sparen – angesichts der seit Jahren geringen Sparquote ist das durchaus realistisch. Gleichzeitig verringert sich die Inlandsnachfrage. Die Erträge der Unternehmen sinken, weil sie weniger absetzen. Die USA schliddern so in eine Rezession, die negative Auswirkungen auf alle großen Industrienationen hat. Euro-Land geht der Hauptabsatzmarkt verloren und leidet unter dem starken Euro. Dieses Schreckensszenario muss allerdings keine Realität werden, weil amerikanischen Unternehmen zuzutrauen ist, auf die Dollarabwertung mit erfolgreichen Exportanstrengungen und damit auf die Bedürfnisse in den Zielländern zu reagieren.

Im günstigeren Fall wertet der Dollar ebenfalls ab. Weil dadurch amerikanische Produkte wettbewerbsfähiger sind, legen US-Exporte zu. Gleichzeitig bleibt die Inlandsnachfrage stabil. Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis steuert der Staat bei – er gibt ohnehin zu viel Geld aus – und nicht der Konsument. Die Investitionen bleiben, abgesehen von niedrigeren Staatsausgaben, hoch. Insgesamt sind die Auswirkungen für die USA gering, weil das Wachstum kaum beeinträchtigt wird. Negative Folgen hat der schwache Dollar aber auf die Handelspartner. Dazu zählt Euro-Land, das die Hauptlast des amerikanischen Defizitabbaus trägt. Hier gehen die Exporte zurück, weil sie der steigende Eurokurs teurer macht.

Der Haken bei dieser Variante ist, dass sich für die USA nicht so leicht größere Absatzmärkte finden lassen. Nach Japan und in die EU dürften höhere Exportraten begrenzt bleiben. Beide Wirtschaftsräume kämpfen mit Strukturproblemen, weshalb die Konjunktur lahmt. Der starke Euro dämpft die Konjunktur noch weiter. Aus dem großen Absatzland China gibt es zwar viel Nachfrage, aber die Fixierung des chinesischen Renminbi und des Hongkong-Dollars gegenüber dem US-Dollar lässt eine Abwertung des Dollars kaum zu. Bleiben Kanada und Mexiko. Sie sind zu klein, um den USA nachhaltig mehr Exporte zu bieten.

Welches Szenario auch eintritt, ob von beidem etwas oder von einem alles: Der bereits in Gang gesetzte Defizitabbau – als erstes sichtbar durch die Dollarabwertung – lässt einen nachhaltigen Konjunkturaufschwung schwer zu. Am wenigsten in Euro-Land. Darauf stellt sich die amerikanische Notenbank mit ihren zuletzt gedämpften Konjunktureinschätzungen ebenso ein wie europäische und viele amerikanische Unternehmen mit ihren vagen Quartalsausblicken. Je stärker sich Amerika verschuldet, desto größer wird das Misstrauen in die stärkste Volkswirtschaft.

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