US-Neokonservative
Geplatzter Traum

Aus den konservativen Denkfabriken Amerikas kommen überraschend neue Töne: „Es ist schwer, nicht in Pessimismus zu verfallen, wenn man sich die Lage im Irak anschaut“, schreibt der ehemalige CIA-Offizier Reuel Marc Gerecht vom American Enterprise Institute in Washington.

Sein Kollege Thomas Donnelly kritisiert, dass das US-Militär am Golf zwar für einen Blitzkrieg gerüstet sei, aber nicht über den langen Atem zur Bekämpfung des Terrors verfüge. Und James Phillips von der Heritage Foundation mahnt zu einer realistischen US-Außenpolitik: „Der Krieg gegen den Terrorismus ist wichtiger als das idealistische Ziel, Demokratie zu exportieren.“

Unter den US-Konservativen ist ein Skeptizismus ausgebrochen, der noch vor einem Jahr unvorstellbar gewesen wäre. Plötzlich wird hinterfragt, ob die amerikanischen Truppen richtig eingesetzt sind und ob die Schlacht am Golf der weltweiten Kampagne gegen den Terror tatsächlich dient.

Das hörte sich in den Monaten vor dem Irak-Krieg völlig anders an. In der zweiten Jahreshälfte 2002 kam aus den konservativen Denkfabriken ein wahres intellektuelles Trommelfeuer: Der Sturz Saddam Husseins sei der Auftakt zu einer Demokratisierung des Nahen Ostens, hieß es. Der Kurs des Weißen Hauses verlief deckungsgleich. Präsident George W. Bush hielt im Februar 2003 eine programmatische Rede, in der er die „Befreiung des Iraks“ als Initialzündung für eine Demokratisierung der gesamten Region darstellte. Diese Politik der Muskelspiele stützte sich auf die US-Sicherheitsdoktrin vom September 2002. Darin leitete die Regierung aus einer veränderten Bedrohungslage für sich das „Recht auf Selbstverteidigung durch Erstschläge gegen Terroristen“ ab.

Doch bereits vor den Terror-Attacken vom 11. September 2001 war der Präventivschlag-Gedanke von rechtskonservativen Intellektuellen vorangetrieben worden. 1996 schrieben Robert Kagan und William Kristol in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen viel beachteten Artikel mit der Überschrift „Hin zu einer neo-reaganistischen Außenpolitik“. Die beiden Publizisten bezeichneten die Clinton-Ära als Ausdruck der Schwäche gegenüber der Bedrohung durch den Terrorismus, die USA müssten Stärke zeigen.

Vorbild war angeblich Ronald Reagan, der der Sowjetunion - dem „Reich des Bösen“ - den Kampf angesagt hatte. Dass der Ex-Präsident den Feldzug gegen den Kommunismus nicht mit militärischen Mitteln, sondern im Rahmen einer multilateralen Bündnis-Architektur politisch führen wollte, wurde allerdings unterschlagen.

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