US-Notenbank
Schuld und Sühne

Die amerikanische Geldpolitik steht vor gravierenden Umwälzungen. Innerhalb weniger Tage haben der frühere und der jetzige Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zwei Säulen ihres geldpolitischen Überbaus umgerissen.

Erst erklärte der amtierende Fed-Chef Ben Bernanke, dass sich die Notenbanker künftig auch mit dem Phänomen von Spekulationsblasen befassen müssten. Dann beichtete sein Vorgänger Alan Greenspan, dass die Finanzkrise eine Lücke in seiner Ideologie vom freien Spiel der Marktkräfte offenbart habe.

Damit hat die Fed nun auch geistig einen Paradigmenwechsel vollzogen. In der Praxis des Krisenmanagements der letzten Monate hat die Kurswende längst stattgefunden. Von der Öffnung des Diskontfensters für Brokerhäuser über Hilfspakete für Bear Stearns und AIG bis zum Aufkauf von kurzfristigen Schuldverschreibungen (Commercial Paper) von Unternehmen reicht die Palette der historischen Eingriffe der Notenbank. Die Währungshüter haben zwar immer betont, dass es sich dabei um befristete Nothilfen handele. Der Rubikon ist jedoch überschritten, ein Zurück ist kaum mehr möglich.

Hinzu kommt, dass der amerikanische Finanzminister Hank Paulson der Notenbank die entscheidende Rolle in der künftigen Finanzmarktaufsicht zugeteilt hat. Die Fed soll als eine Art Super-Regulierer nicht nur die Banken an der kurzen Leine halten, sondern auch frühzeitig systemische Risiken in der Finanzwelt erkennen und rechtzeitig gegensteuern. Stephen Roach, Chairman von Morgan Stanley in Asien, fordert deshalb folgerichtig, die Notenbank nicht nur auf die Vollbeschäftigung und Preisstabilität, sondern auch auf die Stabilität des Finanzsystems zu verpflichten.

Wer die Bedeutung eines derartigen Kurswechsels ermessen will, muss nur zwei Jahre zurückgehen. Damals beherrschte das System Greenspan noch das Denken in der internationalen Geldpolitik. Sein Urvertrauen in den Markt und die daraus folgende Ablehnung staatlicher Regulierun-gen prägten eine ganze Generation von Notenbankern und Ökonomen. Selbst das Platzen der Dotcom-Blase konnte den Nimbus des Maestros nicht zerstören.

Zwar regte sich vorsichtige Kritik daran, dass die Fed Ende der 90er-Jahre zu spät mit Zinserhöhungen den Marktexzessen entgegengewirkt habe. Greenspan behielt jedoch mit dem Argument die Oberhand, dass Notenbanker nicht schlauer sein könnten als der Markt. So blieb die Fed im Umgang mit Spekulationsblasen bei ihrer passiven Rolle und beschränkte sich darauf, die Scherben nach der Börsenparty zusammenzufegen und die Folgen für die reale Wirtschaft durch Zinssenkungen abzufedern.

Selbst wenn man eine Spekulationsblase rechtzeitig erkennen könne, so erklärte Greenspan noch 2004, sei es höchst ungewiss, ob der wirtschaftliche Preis frühzeitiger Zinssteigerungen nicht höher sei als der Schaden nach dem Platzen der Blase. Mit anderen Worten: lieber die Vermögensverluste von risikoverliebten Investoren in Kauf nehmen als eine Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit riskieren.

Bernanke folgte damals den Fußstapfen Greenspans und beharrte noch im vergangenen Jahr darauf, dass der Zinshebel der Fed zu kurz sei, um die klar erkennbare Immobilienblase zu begrenzen. Die enormen Verwüstungen der Finanzkrise haben jetzt zu einem Umdenken geführt. Ist doch allen in den vergangenen Monaten klar geworden, dass Spekulationsblasen ganze Volkswirtschaften aus den Angeln heben können. Der Fed-Chef will deshalb darüber nachdenken, wie die Notenbank mit Mitteln der Finanzaufsicht und der Zinspolitik die Blasenbildung bei Immobilienpreisen, Aktien und anderen Vermögensklassen verhindern kann.

Was heißt das konkret? Bernanke wird zunächst in seinem Werkzeugkasten nach einem geeigneten Schlüssel suchen, um den bislang kaum kontrollierten Markt für Derivate in den Griff zu bekommen. Dazu bedarf es einer eindeutigen Clearingstelle für die oft undurchschaubaren Transaktionen. Außerdem führt kein Weg daran vorbei, dass Finanzinstitute, die verbriefte Risiken weiterreichen, einen Teil dieser Gefahren in den eigenen Büchern behalten. Nur so lässt sich das Risikobewusstsein der Akteure schärfen.

Obwohl die Hauptlast bei der Bekämpfung von Spekulationsblasen eindeutig auf der regulatorischen Seite liegt, muss auch die Zinspolitik ihren Part übernehmen. Der Blick auf Inflationsraten ist zu eng. Die Notenbank muss auch gravierende Preissprünge bei Vermögenswerten auf ihrem Radarschirm haben. Notfalls muss sie bereit sein, einer galoppierenden Vermögensinflation mit Zinssteigerungen das Kreuz zu brechen. Selbst wenn die Wirtschaft dadurch kurzfristige Wachstumseinbußen in Kauf nehmen muss.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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