US-Notenbank
Vertrauensverlust

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"What a difference a year makes“, heißt eine alte amerikanische Lebensweisheit. Als Ben Bernanke im Februar 2007 im Kongress seinen halbjährlichen Bericht zur wirtschaftlichen Lage in den USA vorlegte, warnte er zwar vor den Risiken der Immobilienkrise. Zugleich betonte der Notenbankchef jedoch, dass der Rest der Wirtschaft davon nicht betroffen sei und die Konjunktur schon bald wieder Tritt fassen werde. Von einer drohenden Kreditklemme oder gar einer möglichen Rezession war damals keine Rede.

Nicht nur die wirtschaftlichen Aussichten, auch der Ton Bernankes sind deutlich düsterer geworden. Die Lage habe sich verschlechtert, die Risiken seien gestiegen, erklärte der Notenbanker den Kongressabgeordneten vergangene Woche. Die Krise habe neben dem Häusermarkt auch den Arbeitsmarkt erfasst und könne sich in den nächsten Monaten noch zuspitzen. Zu befürchten sei außerdem, dass die Kreditklemme die Wirtschaft noch stärker in den Schwitzkasten nehme. Deutlicher kann man nicht vor einer Rezession warnen, ohne das „R“-Wort direkt in den Mund zu nehmen.

Bernanke räumt mit seiner düsteren Prognose ein, dass die Federal Reserve (Fed) die Gefahren lange Zeit dramatisch unterschätzt hat und seitdem der wirtschaftlichen Talfahrt hinterherläuft. Zudem spricht aus seinen Worten die Machtlosigkeit gegenüber der Krise. Seit September hat die US-Notenbank die Leitzinsen und den Diskontsatz um 2,25 Prozentpunkte gesenkt. Zugleich pumpt sie über ein neues Auktionsverfahren seit Mitte Dezember Zigmilliarden Dollar in das verstopfte Finanzsystem. Insgesamt ist es die größte Liquiditätshilfe in kürzester Zeit, die es in den USA seit Einführung der modernen Offenmarktpolitik Anfang der 90er-Jahre gegeben hat.

Der Erfolg ist bescheiden. Zwar sind die Kreditkosten auf dem Interbanken-Markt (Libor) spürbar gesunken. Der Realwirtschaft haben die Notmaßnahmen der Fed jedoch bislang kaum Erleichterung gebracht. Im Gegenteil: Die von der Subprime-Krise stark angeschlagenen Banken haben ihre Kreditzügel angezogen. Viele Haushalte und Unternehmen in den USA zahlen heute höhere Risikoprämien als noch vor drei Monaten. Dieser Trend werde anhalten und die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Monaten weiter bremsen, warnt Bernanke.

Das ist zwar noch keine Kapitulation, aber doch eine Niederlage für die Fed. Martin Feldstein, Papst der amerikanischen Konjunkturforschung, stellt nüchtern fest, dass die Instrumente der Fed an Wirkung eingebüßt haben. Finanzminister Hank Paulson sagt, dass der Krise mit Zinssenkungen allein nicht beizukommen sei. Und auch die Notenbanker selbst räumen ein, dass der Vertrauensschwund auf den Kreditmärkten ihre Geldpolitik konterkariert.

Noch klammert sich Bernanke an die Hoffnung, dass ein Großteil der beschlossenen Zinssenkungen seine volle Wirkung mit Zeitverzögerung in der zweiten Jahreshälfte entfalten wird. Und er ist bereit, die Zinsschraube weiter zu lockern. Bei einem Zinsniveau von drei Prozent und einer Kerninflation von 2,4 Prozent ist die Notenbank jedoch nicht mehr weit von negativen Realzinsen entfernt. Ab dieser Marke läuft die Geldpolitik Gefahr, vollends wirkungslos zu werden. Anleger stellen ihr Geld nicht für einen Zins zur Verfügung, der nicht einmal den Kaufkraftverlust ausgleicht.

Die Erfahrungen mit negativen Realzinsen sind zwar unterschiedlich, meist aber negativ. Entweder führen sie in einem deflationären Umfeld direkt in eine Liquiditätsfalle mit einer anschließenden Depression wie zuletzt in Japan. Oder sie legen die Saat für die nächste Spekulationsblase. So geschehen zuletzt 2004 in den USA, als die Fed es versäumte, die Kreditzügel nach der vorherigen Rezession schnell genug wieder anzuziehen.

Den Vertrauensverlust auf den Finanzmärkten wird Bernanke mit seinen Lockerungsübungen in der Geldpolitik kaum stoppen können. Ihm geht es inzwischen vor allem darum, die Folgen des Finanz-Tsunamis für die Wirtschaft zu mildern. Niedrigere Leitzinsen schwächen den Dollar und stärken so die Exportwirtschaft. Sie erweitern auch die Zinsmargen der notleidenden Banken und erleichtern vielen Hausbesitzern die Refinanzierung ihrer Hypotheken. Die Macht der Fed ist geringer geworden, impotent ist die Notenbank jedoch nicht.

Dennoch muss die extreme Zinshilfe eine zeitlich befristete Ausnahme bleiben, wenn Bernanke nicht langfristig noch größeren Schaden anrichten will. Entscheidend wird es deshalb sein, dass der Notenbanker die Zinsschraube ebenso schnell wieder anzieht, wie er sie jetzt lockert. Davon hängt nicht nur das Wohlergehen der US-Wirtschaft, sondern auch sein eigenes Schicksal als Fed-Chef ab.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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