Us-Präsidentschaftswahlen
Kerrys Ladehemmung

Eigentlich müsste der Bush-Herausforderer John Kerry zum Durchmarsch ins Weiße Haus ansetzen: Die Irak-Politik des Präsidenten entpuppt sich als glatte Fehlkalkulation, George W. Bush hangelt sich von Umfragetief zu Umfragetief – derzeit liegt er noch bei rund 45 Prozent Zustimmung. Der historische Trend spricht gegen den Amtsinhaber: Seine drei letzten Vorgänger, die wieder gewählt wurden, hatten zum gleichen Zeitpunkt weit mehr als 50 Prozent Unterstützung.

Traumbedingungen für Kerry, sollte man meinen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Spitzenkandidat der Demokraten kann aus Bushs Flaute kaum Kapital schlagen: Im direkten Vergleich kommt er über ein Patt mit dem Präsidenten nicht hinaus. Hinter Kerrys Stillstand steckt eine Mischung aus persönlichen und politischen Schwächen.

Der Abkömmling des Bostoner Geldadels hat es bislang nicht geschafft, sein Patrizier-Image abzuschütteln. Auch wenn er heute eine stärkere Körpersprache zeigt als früher: Am Ende wirkt Kerry spröde und kontrolliert. Anders der bodenständige Texaner George W. Bush, dessen Rancher-Appeal beim Durchschnittsamerikaner etwas zum Schwingen bringt. Diese Authentizität, in gewisser Weise vergleichbar mit der Saumagen-Gemütlichkeit eines Helmut Kohl, hat den Präsidenten bislang vor dem völligen Absturz in den Umfragen bewahrt.

Kerrys Reserviertheit erweist sich im Fernsehen als Hemmfaktor. Über seinem Wahlkampf liegt der Schatten von Al Gore: Bill Clintons Vize hatte die Wahlen 2000 trotz einer boomenden Wirtschaft vergeigt, weil er nach Ansicht vieler US-Bürger zu blass und zu dröge war. In Amerikas Mediengesellschaft ist dies das politische Todesurteil. Hier regiert das Gesetz der Reizüberflutung, Effekte zählen mehr als Substanz.

Das Bush-Lager macht sich diese Mechanismen gnadenlos zu Nutze. In einem Propaganda-Trommelfeuer ohnegleichen wird der Senator von Massachusetts als „Wendehals“ gebrandmarkt, der heute für und morgen gegen den Irak-Krieg oder die Einschränkung der Bürgerrechte im „Patriot Act“ ist. Kerrys Kehrtwenden und Differenzierungen mögen im Einzelfall schlüssig sein: In der Nachrichten-Wahrnehmung des Sekunden-Flashs wirken sie inkonsequent. Als Alternative zu Kerrys Vielschichtigkeit malen Bushs Image-Akrobaten das Bild eines entscheidungsstarken Präsidenten. Hier steht einer, der sagt, was er denkt, und tut, was er sagt, lautet die Devise. Die Einfachheit wird zum Programm.

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