US-Rettungsplan
Kein Allheilmittel

Über den Rettungsplan von US-Finanzminister Hank Paulson herrscht nur in einem Punkt Einigkeit: Jeder scheint unzufrieden mit dem mühsam erreichten Kompromiss.

Die Konservativen in Amerika sehen darin den ersten Schritt zum Sozialismus. Die Liberalen brandmarken die Verschwendung von Steuergeldern für die Fehler der Wall-Street-Bosse. Die Aktienmärkte waren zunächst erleichtert, sorgen sich jedoch jetzt über das Schicksal der europäischen Banken. Die Anleihemärkte trauen dem Paket nicht und flüchten sich in vermeintliche sichere, aber fast zinslose Staatsanleihen. Die Banken selbst bleiben misstrauisch, was sich in den immer noch enorm hohen Geldmarktsätzen ausdrückt.

Ist der Paulson-Plan bereits gescheitert? Keineswegs. Allerdings muss jedem klar sein, dass es sich hier nicht um ein Allheilmittel handelt, das über Nacht die Finanzkrise beenden wird. Das Rettungspaket ist jedoch ein wichtiger, erster Schritt, um die weltweite Kreditklemme zu lockern.

Dass der US-Finanzminister seinen einfachen, dreiseitigen Vorschlag nicht ungeschoren durch den Kongress bringen würde, sollte niemanden überraschen. Trotz einer Vielzahl von Ergänzungen - die Palette reicht von einer Deckelung von Managergehältern über eine schärfere Aufsicht bis hin zu einer halbherzigen Versicherungslösung - ist der Kern des Paulson-Plans erhalten geblieben. Das Finanzministerium kann mit großer Flexibilität toxische Kreditprodukte aus der Subprime-Krise aufkaufen, für die es im Moment keine anderen Käufer mehr gibt. Dazu stellt der Kongress bis zu 700 Milliarden Dollar zur Verfügung. Auf diese Weise will Paulson zwei Dinge erreichen. Die Bankbilanzen sollen vom Giftmüll der Subprimekrise befreit werden. Der Staat will durch eine Ersteigerung der Hypothekenprodukte zum niedrigsten Preis außerdem den illiquiden Markt für diese Wertpapiere wieder in Gang bringen.

Die ökonomische Stoßrichtung des Rettungsplans ist richtig. Ohne eine Bereinigung der Bilanzen wird das Vertrauen an den Kreditmärkten nicht zurückkehren. Nur wenn die Banken vom Makel Subprime befreit werden und nicht mehr wertvolles Kapital für unkalkulierbare Verluste vorhalten müssen, werden sie auch ihre Kredithähne wieder öffnen. Die Gefahr, dass die Finanzkrise über eine sich immer weiter zuziehende Kreditklemme auch den Rest der Wirtschaft in den Abgrund reißt, wäre zumindest fürs Erste gebannt. Gelöst ist die Finanzkrise damit jedoch noch lange nicht.

Eine dauerhafte Entspannung kann es nur geben, wenn die Banken nicht nur ihre Bilanzen bereinigen, sondern sich zugleich mit neuem Kapital versorgen. Durch den Verkauf der Hypothekenpapiere an den Staat werden ihnen frische Mittel zufließen. Allerdings werden sie die Papiere kaum zum aktuellen Buchwert abstoßen können. Das heißt, weitere Abschreibungen sind unausweichlich. Kommen dann noch Verluste aus inzwischen ebenfalls notleidenden Konsumentenkrediten hinzu, könnte die Kapitalbasis weiter bröckeln.

Woher können die Mittel für eine Stärkung der Banken kommen? Drei Möglichkeiten sind denkbar: Für Goldman Sachs und Morgan Stanley reichte die Aussicht auf eine staatliche Rettung, um privates Kapital anzulocken. Andere Banken wie Merrill Lynch, Washington Mutual und Wachovia können sich nur noch in die Arme von kapitalkräftigeren Großbanken retten. Was jedoch wie eine gelungene privatwirtschaftliche Lösung aussieht, schafft neue Probleme. Die jetzt entstehenden Bankenkolosse sind keineswegs standfest. Eine Verschärfung der Krise könnte auch eine Citigroup in die Knie zwingen. Ähnlich wie JP Morgan Chase und Bank of America wäre Citi spätestens nach den aktuellen Übernahmen viel zu groß, um sie pleitegehen zu lassen.

Als letzter Ausweg bleibt nur noch eine direkte Rekapitalisierung durch den Staat. Die Schweden haben Anfang der 90er-Jahre auf diese Weise ihre Bankenkrise gelöst. Allerdings zu einem hohen Preis. Der massive Staatseingriff hat nicht nur Kosten in Höhe von etwa sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts verursacht. Er hat auch den zentralen Bankensektor für Jahre unter die Fuchtel des Staates gestellt. Wer den Paulson-Plan bereits als Sozialismus verdammt, kennt also noch nicht alle möglichen Grausamkeiten, zu denen uns die Finanzkrise zwingen könnte. Dass derart radikale Lösungen nicht undenkbar sind, zeigt die halbe Verstaatlichung der belgisch-niederländischen Bank Fortis.

Wer eine Nationalisierung von Banken in den westlichen Industrieländern verhindern will, muss auf den Erfolg des Paulson-Plans hoffen. Nur dann werden auch private Kapitalgeber wieder den Mut fassen, direkt in den Bankensektor zu investieren. Der Einstieg von Warren Buffett bei Goldman Sachs ist dafür ein Beispiel.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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