US-Wahl
McCains letzte Chance

Das letzte TV-Duell: Der Republikaner McCain muss sich bei der morgigen Fernsehdebatte einen entscheidenden Zug einfallen lassen, sonst dürfte er das Rennen gegen Obama wohl verlieren.
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Mitte Oktober zeigen die Prognosen ein klares Bild, wie die Wahl des US-Präsidenten ausgehen wird: der Republikaner Rudy Giuliani ist ein starker Kandidat, aber gegen die Demokratin Hillary Clinton ohne Chance. Das war vor einem Jahr - und ist Warnung genug, den Sieger nicht vorzeitig auszurufen. Mitte Oktober 2008 liegt Barack Obama zwar in den landesweiten Umfragen um bis zu 12 Prozentpunkte vorne. Laut Prognosen aus den Bundesstaaten kann der Demokrat auch mit der Mehrheit der Wahlmänner rechnen. Aber noch hat John McCain eine Chance. Eine winzige.

Sie stellt sich dem Senator aus Arizona heute Abend, beim letzten Fernsehduell. Hier muss McCain ein schlagendes Argument präsentieren, warum ausgerechnet ein 72-jähriger Republikaner und erklärter Wirtschaftslaie der Richtige ist, um Amerikas Niedergang zu stoppen. Seit Beginn der Kampagne sind die Republikaner in der Außenseiterrolle. Zu Jahresanfang löste die Wirtschaft den Irak-Krieg als wichtigstes Feld ab, seit vier Wochen gibt es gar kein anderes Thema. Mit den Ikonen der Wall Street ist auch das Ansehen der Regierung völlig zusammengebrochen, selbst der Glaube an Ronald Reagans Dogma von den Allheilkräften des Marktes ist angeknackst.

Somit scheint den Demokraten der Sieg wie ein reifer Apfel in den Schoß zu fallen. Aber beide Kandidaten haben einen sehr persönlichen Anteil daran, dass das Rennen so steht wie es steht. McCains startete in die Finanzkrise mit der Bemerkung, die Wirtschaft sei doch eigentlich grundsolide. Sein Vertrauter in Wirtschaftsfragen sagte öffentlich, Amerika sei zu einer Nation der Jammerer degeneriert. Dann machte sich McCain persönlich für Bushs Rettungspaket stark - und musste ansehen, wie die Republikaner im Kongress zweimal dagegen stimmten.

Auch bei seinen Beratern lässt sich wenig Ermutigendes finden. Die als Chefin von Hewlett Packard gescheiterte Carly Fiorina zählt neben Ex-Ebay-Chefin Meg Whitman zu McCains prominentesten Helfern. Zum Finanzminister würde er gerne Investmentguru Warren Buffett machen - nur ist der ein Freund Obamas. Für diese Woche hatte McCains Team eine wirtschaftspolitische Grundsatzrede mit konkreten Vorschlägen angekündigt, doch nach einem Streit unter den Beratern fiel die Rede eher vage aus. "Ich bin ein Amerikaner. Ich habe gelernt zu kämpfen", lautete das Credo.

Auch der 47-jährige Demokrat ist weder Wirtschaftspolitiker noch Krisenmanager. Obama war Sozialarbeiter in Chicagos Krisenviertel. Aber seither arbeitet er als Jurist, Dozent und Senator ohne Personalverantwortung. Und doch ist es ihm gelungen, ein erstklassiges Wirtschaftsteam hinter sich zu versammeln, von Stars aus der Clinton-Ära über Ex-Notenbankchef Paul Volcker und Nobelpreisträger Paul Krugman bis hin zu Warren Buffett. Und am Ende war es Obamas kühler, sachlicher Stil, der die Wähler in der Krise überzeugte. Inhaltlich liegen die Kandidaten nicht mehr so weit auseinander: Gestern präsentierte Obama ein 60-Milliarden-Dollar-Paket für die kleinen Leute, McCain folgte Stunden später mit Hilfen für Arme, Rentner und Sparer. Obama kommt damit im Volk an, McCain empört die eigenen Fiskalkonservativen. Das Urteil der Wähler ist klar: 53 Prozent trauen Obama zu, das Land aus der Krise zu führen, für McCain sind 39 Prozent.

Die Panik bei den Republikanern ist also begründet. Doch ihre Vorschläge für eine Offensive sind nicht gangbar. So fordern die Anhänger frontale Angriffe auf Obama. Immer schwerer fällt es McCain, die rassistischen Untertöne bei seinen Auftritten zu beherrschen - doch für eine harte Schmutzkampagne ist er nicht zu haben. Auch die Option, für die sich die Parteirechte stark macht, ist verbaut: Sie fordert einen harten Kurs gegen Bushs Finanzpaket. Doch nach vielen Kehrtwenden kann sich McCain diesen Flip-Flop nicht mehr leisten.

Damit gibt es für die Republikaner keine Handlungsoptionen, sondern nur zwei vage Hoffnungen. Erstens könnten die Demoskopen völlig falsch liegen, weil sie die rassistischen Ressentiments der Amerikaner unterschätzen. Zweitens könnte noch ein Terroranschlag die Finanzkrise aus dem Bewusstsein der Wähler verdrängen. Das ist zwar nicht auszuschließen. Aber die Chancen auf den Einzug des ersten Schwarzen ins Weiße Haus stehen ziemlich gut.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik

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