US-Wahl
Risiko Schwarz

Auf den ersten Blick ist es reine Wortklauberei, die sich seit dem Wochenende zwischen Hillary Clinton und Barack Obama abspielt. Man muss schon mit einer guten Portion Böswilligkeit die Äußerungen von Hillary interpretieren, um aus ihnen eine Herabwürdigung der Rolle Martin Luther Kings herauszulesen.
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Clinton hatte lediglich gesagt, dass erst durch die Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze unter Präsident Lyndon B. Johnson Kings Träume von der Gleichstellung der Afro-Amerikaner in den USA ein Stück realer geworden seien, was sachlich richtig ist. Vielleicht mag dieser Kommentar etwas unsensibel gewesen sein. Aber ein Angriff auf die Ikone der Bürgerrechtsbewegung war es nie und nimmer.

Gleichwohl hat der hochgejazzte Streit Barack Obama eine Chance geboten, auf das Thema der „Black Vote“ zu springen und ein Unterscheidungsmerkmal zu setzen, ohne sich anbiedern zu müssen. Zehn Tage vor den demokratischen Primaries in South Carolina könnte der Ausgang dort ganz wesentlich davon abhängen, wem die Afro-Amerikaner ihre Sympathien schenken. Der farbige Barack Obama hat bei dieser Wählergruppe bei weitem noch nicht den Vorteil, den man eigentlich erwarten würde. Tatsächlich liegt er mit Hillary in der Wählergunst der Schwarzen ungefähr gleichauf. Die Gründe dafür sind komplex und erklären, warum Obama bei den weißen Amerikanern so ungemein populär ist.

Dass Obama, Sohn eines Kenianers und einer weißen Amerikanerin aus Kansas, bei den Vorwahlen in den „weißen“ Bundesstaaten Iowa und New Hampshire so gut abschneiden konnte, hat zu einem Gutteil mit seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu tun. Obama ist für US-Verhältnisse zwar schwarz, wird aber von vielen Weißen nicht als Schwarzer im klassischen Sinn gesehen. Und Obama hat viel dazu beigetragen, dass genau diese Wahrnehmung entstehen konnte.

Der 46-jährige Senator aus Illinois hat von Beginn an das schwarze Establishment gemieden. Auffällig hat er Distanz gehalten zu bekannten schwarzen Politikern wie Jesse Jackson, Andrew Young oder Al Sharpton. Auf Abstand gegangen ist er damit zu jener Bürgerrechtslobby, die ihr Ansehen noch immer aus der Hochzeit der Bewegung in den 50er- und 60er-Jahren bezieht. „Civil Rights“ sind in Obamas Reden ein wichtiges Thema – aber nicht wichtiger als Irak, Klimawandel oder die Finanzkrise. Für viele Weiße ist es daher einfach, sich mit Obama zu identifizieren.

Indem er seine Hautfarbe nicht zum Thema macht, öffnet er weit die Türen für alle Amerikaner. Allerdings: Ausgerechnet die afro-amerikanische Minderheit tut sich dadurch am schwersten mit ihm. „Ist Barack Obama schwarz genug?“ diskutierte man dort schon vor rund einem Jahr. Eine Frage, die mehr über das schwarze Selbstverständnis aussagte als über den Adressaten.

Über Jahre hinweg ist das schwarze Amerika von vielen seiner Repräsentanten in dem Glauben bestärkt worden, die weiße Mehrheit hindere es wo immer möglich am sozialen Aufstieg. Sieht man von dem radikalen Louis Farrakhan und seiner Organisation „Nation of Islam“ einmal ab, dann hat sich die Rhetorik zwar abgeschwächt. Doch das vertraute anti-weiße Sentiment schwingt auch weiterhin mit. Als 2004 der schwarze Entertainer Bill Cosby die afro-amerikanische Minderheit in den USA dazu aufrief, nicht stets andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen, ergoss sich ein Strom der Kritik über ihn.

So weit wie Cosby geht Barack Obama zwar nicht. Aber er macht immer wieder deutlich, dass er sich nicht als Stimme der Unterdrückten versteht. Obama tritt als gesamtamerikanischer Präsidentschaftskandidat an, nicht als Vertreter einer bestimmten Gruppe. Ihm hilft, dass sich die Demografie in den USA in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert hat. Das Amerika von heute ist zwar mit rund 73 Prozent noch immer überwiegend weiß. Doch die 12,4 Prozent schwarze Bevölkerung sind längst vom hispanischen Bevölkerungsanteil (knapp 15 Prozent) überholt worden. Gleichzeitig wächst der asiatische Anteil (rund 4,5 Prozent).

Mit den Bevölkerungsanteilen verschieben sich auch die Ansichten. Konnten sich Ende der 70er-Jahre lediglich 36 Prozent der Amerikaner mit einer Ehe zwischen Weiß und Schwarz anfreunden, sind es heute schon 65 Prozent. Möglicherweise braucht Obama die schwarzen Wähler also gar nicht, um weiter das Rennen offenzuhalten. Natürlich: Werden ihm deren Stimmen präsentiert, dann wird er sie kaum ablehnen. Doch mit zu viel Nähe zu „Black America“ hat Obama auch weiterhin mehr zu verlieren als zu gewinnen. Auch wenn ihn die Distanz zunächst den Sieg in South Carolina kosten sollte.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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