US-Wirtschaft
Unter Notstrom

Der Optimist, sagte einst Karl Valentin, ist ein Mensch, "der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind." Viele dieser Gute-Laune-Boys saßen lange Zeit in Washington und riefen ins Volk, man müsse das mit der Finanzkrise nicht so tragisch nehmen. Das Schlimmste sei vorüber, war sich US-Finanzminister Henry Paulson im Mai 2008 sicher.
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Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain versuchte noch vor wenigen Tagen mit der (Fehl-)Diagnose zu punkten, dass "die Fundamentaldaten der US-Wirtschaft in Ordnung" seien. Die Wahlkampf-Nummer ging schief, weil Amerikas Schuldendebakel längst zu offensichtlich ist, um es noch länger schönreden zu können. Die Zeit der Optimisten ist vorbei, vermutlich für lange Zeit.

Wer nach dem jüngsten Rettungspaket für die Bankenwelt auf ein Ende der Leiden wettet, dürfte enttäuscht werden. Nach dem erwarteten Applaus der Wall Street für den nächsten Rettungseinsatz verändert sich nur der Fokus der Krise. Die PR-Strategie der wichtigsten Krisenmanager in den USA hat sich schier über Nacht bereits um 180 Grad gedreht. Wer nach den waghalsigen Rettungsaktionen für Fannie Mae, Freddie Mac und AIG im Schnellverfahren weitere 700 Milliarden Dollar vom Steuerzahler einfordert und damit eine Summe, die etwa den bisherigen Kosten des Irak-Kriegs entspricht, muss Rechenschaft ablegen.

Er muss dem Volk und seinen Vertretern penibel aufzeigen, dass als Alternative nur ein Bankenkollaps bliebe und damit ein Offenbarungseid der größten Wirtschaftsnation der Welt. Anders ist kaum erklärbar, dass Finanzminister Paulson neuerdings vor "schwerwiegenden Folgen" warnt, sollte sich die Lage im Bankensektor nicht stabilisieren.

US-Notenbankchef Ben Bernanke malt vor einem Millionenpublikum live im Fernsehen plötzlich düstere Szenarien, wonach anhaltende Störungen im Kreditmarkt zu steigender Arbeitslosigkeit führten, zu noch mehr Zwangsvollstreckungen und im schlimmsten Fall wie einst in Japan zu einer Dekade schwachen Wachstums. Zehn Jahre Schmerzen nach 17 Jahren Shopping-Rausch, das soll der US-Bevölkerung nun in einer Schocktherapie beigebracht werden.

Erst allmählich realisiert sie, dass mit dem Beginn der Kernschmelze im Bankensektor eine Ära des Lebens auf Pump zu Ende geht. Im Immobilienmarkt wie im Autohandel ist dies bereits offensichtlich, weil jede größere Investition in den USA fast ausschließlich über Finanzierungen läuft, die fortan kaum eine Bank mehr bewilligt. Bei 970 Milliarden Dollar Schulden allein auf den Kreditkarten von Visa, Mastercard & Co. muss das keinen wundern. 19 Prozent seines verfügbaren Einkommens steckt der Durchschnitts-Amerikaner inzwischen in den Schuldendienst, Tendenz steigend.

Noch steht der Bankensektor im Blickpunkt des Geschehens. Die Bedrohung reicht jedoch weiter: Die Verbraucher, die jährlich gut zehn Billionen Dollar im Lande ausgeben und damit fast 75 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, sind überstrapaziert wie nie zuvor in der Geschichte der USA. Ihre bereits gigantische Verschuldung wird durch Hauspreisverfall, Verluste an den Finanzmärkten und hohe Energiepreise noch beschleunigt. Dies bringt nicht nur Investmentbanker an der Wall Street in Not, sondern mehr noch die Main Street, also Millionen von Menschen, die seit Jahren über ihre Verhältnisse leben.

Die Quittung, die jetzt gereicht wird, überfordert selbst die mächtigste Volkswirtschaft der Welt. Zwar zieht die US-Regierung seit Monaten alle Register, um die drohende Abwärtsspirale zu vermeiden: Sie hat massiv die Leitzinsen gesenkt, milliardenschwere Steuergutschriften verteilt, Unternehmen vor dem drohenden Bankrott verstaatlicht und dabei alle ordnungspolitischen Bedenken über Bord geworfen. Bisher aber doktern Bush, Paulson & Co. vor allem an einem Notstromaggregat für das bedrohte Finanzsystem.

Das wichtige Weihnachtsgeschäft des US-Handels ist damit nicht zu retten. Die USA müssen überschuldeten Hausbesitzern, entlassenen Bankangestellten und finanziell überforderten Geringverdienern helfen, um eine schwere Rezession abzuwenden. Das wird mindestens ebenso schwierig und möglicherweise ähnlich teuer wie die Bankenrettung.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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