US-Wirtschaft
US-Konzerne: Unberechenbare Riesen

Citigroup, AIG und General Electric (GE) - vor diesen drei Großkonzernen hat sich lange die Welt verneigt. Heute steht das Trio für eine fehlgeschlagene Strategie, die in Boomzeiten ertragreich war, aber eben nicht nachhaltig. Monster-Konglomerate sind undurchsichtig und ein Risiko für die Allgemeinheit.

Citigroup, AIG und General Electric (GE) - vor diesen drei Großkonzernen hat sich lange die Welt verneigt. Heute steht das Trio für eine fehlgeschlagene Strategie, die in Boomzeiten ertragreich war, aber eben nicht nachhaltig.

GE, das mächtigste Kraftwerk der US-Industrie, hat innerhalb kurzer Zeit rund 300 Milliarden Dollar Börsenwert verloren - eine Summe, die der sechsfachen Marktbewertung des deutschen Rivalen Siemens entspricht. Citigroup, der Weltsupermarkt der Hochfinanz, ist zwischenzeitlich gar auf die Winzigkeit eines Pennystocks geschrumpft. Bleibt AIG: eine Firma, die sich für groß und stark genug hielt, um Zockereien der halben Finanzwelt mit Subprime-Krediten zu versichern. Jetzt liegt der Konzern in Ruinen, und der Steuerzahler wundert sich, weshalb AIG noch immer nicht zur Liquidation freigegeben wurde.

Wenn es eine Lehre gibt aus dem Scheitern der US-Giganten, dann diese: Ab einer gewissen Konzerngröße und-breite sind Firmen kaum mehr zu steuern. Im besseren Fall sind sie ineffizient, riskant bis unberechenbar im schlechteren. Dann werden sie wie AIG zu Geisterfahrern, die gestoppt werden müssen, weil sie eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen.

Diversifizierung ist per se nichts Schlechtes: Würde Opel nicht nur Autos herstellen, sondern auch Lokomotiven und Windturbinen wie GE, hätte das Unternehmen jetzt bessere Überlebenschancen. Wenn sich Banken aber aufblähen wie Citigroup und global operierende Gemischtwarenläden so kreativ bilanzieren wie GE, sind Finanzkatastrophen programmiert. Das Management ist auf schnelles Wachstum getrimmt, nicht auf Risikokontrolle. Die Aufsichtsorgane sind mit den Monster-Konglomeraten überfordert, Investoren ohne jeden Durchblick.

Wer daran zweifelt, muss nur bei Maurice Greenberg nachfragen. Ausgerechnet der größte Einzelaktionär von AIG, der ein halbes Leben lang an der Spitze des Versicherungskonzerns stand, hat seinen Ex-Arbeitgeber wegen Betrug verklagt. Greenberg wirft AIG vor, ihn falsch über die finanzielle Lage der Firma informiert zu haben. Wer wollte einen intimen Einblick in die Geschäfte haben, wenn nicht der Firmenpatriarch, der den Versicherungsriesen ab 1962 mit aufgebaut hat?

Das Risiko der Intransparenz wurde leichtfertig verdrängt, als die Weltwirtschaft von einem Rekord zum nächsten brummte. Jahrelang haben Investoren darüber hinweggesehen, dass selbst die besten Analysten das Zahlenwerk von GE nicht mehr durchschauten. Sie haben das Marktgeflüster verdrängt, wonach der Mischkonzern seine Gewinnprognosen nur deshalb wie ein Uhrwerk erreiche, weil die Finanzsparte GE Capital kurz vor Quartalsende schnell noch die ein oder andere Immobilie verkaufe.

Erst in der Krise zeigen die GE-Aktionäre wieder, dass der Konzern ihnen gehört - und nicht dem Management. Panikartig sind sie aus der Aktie geflüchtet, obwohl Konzernchef Jeffrey Immelt beteuert, dass es trotz Schuldenkrise weiterhin Milliardengewinne bei GE regnen werde. Das Vertrauen, in der Finanzwelt bekanntlich der Anfang von allem, ist nach den Blitzeinschlägen an der Wall Street Richtung Nullpunkt gesunken.

Für den Industrie-Riesen GE, der quasi im Nebenjob eine der größten Banken Amerikas betreibt, ist das eine fatale Entwicklung. Immelts Strategie, in der Krise die Rollläden zu schließen und besseres Wetter abzuwarten, ist gescheitert. Wenn GE jetzt nicht dringend Licht ins Dunkel seiner Bilanz bringt, werden Investoren mit Macht die Abtrennung der Herzkammer GE Capital einfordern. Sie werden keine Ruhe geben, solange im Trüben bleibt, wie tief die kriselnde Finanzsparte gesunde Industriebereiche wie Energieerzeugung, Medizin-, Luftfahrt- und Bahntechnik mit in den Sumpf ziehen kann. Das Debakel um AIG hat schließlich warnend aufgezeigt, dass Managementfehler in winzigen Abteilungen ausreichen können, um das große Ganze zu gefährden. Das ist im Falle GE nicht weniger als der industrielle Stolz Amerikas.

Für Wirtschaftspolitiker aus Washington, die bei AIG und Citigroup bereits an den Schalthebeln sitzen, werden die nächsten Monate zum Drahtseilakt. Einerseits fordern sie schlanker aufgestellte Banken und generell transparentere Unternehmen, um Finanzkrisen dieses Ausmaßes in Zukunft verhindern zu können. Auf der anderen Seite will Washington aber nicht Pate stehen bei der Abwicklung von Weltkonzernen, die mit Schimpf und Schande zerlegt werden und im nächsten Aufschwung keine führende Rolle mehr spielen.

Dabei ist der Trend zu mehr Bodenständigkeit und weniger Risiko nicht mehr aufzuhalten. Investoren werden mit den Füßen abstimmen und schwächere Gewinnmargen in den nächsten Jahren akzeptieren, wenn sie nur transparent sind und Nachhaltigkeit versprechen. Das bedingt kleinere, übersichtlichere Unternehmen und eine Abkehr von Strategien der schnellen Welteroberung. Beraterfirmen, die gestern noch gespannt dem "Merger Endgame" entgegenfieberten, einer Art WM-Endspiel der Oligopole, rufen bereits verdächtig laut zur Fokussierung in Krisenzeiten auf. Bald werden sie die Abtrennung großer Geschäfts- und Länderbereiche begleiten - und dabei auf die unsanft gelandeten Trendsetter AIG, Citigroup und GE verweisen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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