US-Wirtschaft
Zu spät für den Notarzt

Die Herztöne der US-Konjunktur sind jedoch ernüchternd. Sie zeigen an, dass der Patient auf die Medizin nicht so recht anspricht. Noch streiten die Gelehrten, ob die größte Volkswirtschaft der Welt unmittelbar vor einer Rezession steht oder längst mittendrin ist.
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Das US-Magazin „Business Week“ hat auf dem Titelbild seiner aktuellen Ausgabe einen Wecker abgebildet: „Waking Up to the Recession“ heißt die Schlagzeile. Die US-Notenbank Fed hat verstanden: Erst organisiert sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns, um das Weltfinanzsystem vor einer Implosion zu schützen. Dann eilen die Notärzte zu ihrem amerikanischen Patienten und lindern mit der nächsten Zinssenkung den tiefsten Schmerz von Citigroup & Co.

Die Herztöne der US-Konjunktur sind jedoch ernüchternd. Sie zeigen an, dass der Patient auf die Medizin nicht so recht anspricht. Noch streiten die Gelehrten, ob die größte Volkswirtschaft der Welt unmittelbar vor einer Rezession steht oder längst mittendrin ist. Für die zweite Version spricht, dass die Privatwirtschaft seit drei Monaten Arbeitsplätze abbaut. In der Vergangenheit fielen derlei Ausschläge nach unten ausnahmslos in Rezessionsphasen. Der schwache Arbeitsmarkt drückt auf den Konsum, der gut zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung ausmacht. Das heißt: Über sanfte Landung oder Konjunktur-Crash entscheiden nicht allein Fed und Wall Street, sondern vor allem die Verbraucher.

Es ist eine Kombination aus Börsenpanik, Konsumknick und weiteren Belastungsfaktoren, die Fed-Chef Bernankes Bemühungen so aussichtslos erscheinen lassen. Die purzelnden Immobilienpreise haben den Tiefpunkt noch nicht erreicht, die Privatschulden der Amerikaner liegen auf Rekordniveau. Die Verbraucher fangen an zu sparen, Banken werden bei der Kreditvergabe extrem vorsichtig – beides viel zu spät. Die Folge ist eine Angststarre, die nicht Notärzte erfordert, sondern Psychologen. Die Patienten suchen händeringend Vertrauensleute, keine Schönredner.

Es gibt eine Reihe guter Gründe, für die US-Wirtschaft nicht generell schwarzzusehen. Viele Konzerne sind flexibler und schlanker aufgestellt als in früheren Rezessionsphasen. Nach einer Serie von Rekordjahren sind die Bilanzen von GE, Microsoft & Co. blitzsauber, von Öl-Riesen wie Exxon oder Chevron ganz zu schweigen. Der schwindsüchtige Dollar treibt das Exportwachstum, und auch die Zinssenkungen der Geldpolitik werden mit Verzögerung ihre Wirkung entfalten.

Doch für eine schnelle Wende ist zu vieles schiefgelaufen. Mit den Aufräumarbeiten im Häuser- und Bankenmarkt beschäftigen sich Kommandos aus Wirtschaft und Politik – energisch zwar, aber auch ratlos. Um den Investorenstreik aus der Welt zu schaffen, werden sie noch Monate, wenn nicht Jahre werkeln, wirbeln und regulieren müssen. So wie die Krise an allzu gierigen Großbanken und sorglosen Verbrauchern festgemacht werden kann, so wird auch der Zeitpunkt für ein US-Comeback maßgeblich von diesen beiden Parteien beeinflusst.

Konsolidierung ist das Gebot der Stunde. Überschuldete Haushalte von Florida bis Kalifornien und täglich neue Milliardenabschreibungen „made in Manhattan“ sind Hinweise darauf, dass die Rezession 2008 tatsächlich begonnen hat. Die Bereinigungen mögen schmerzlich sein und in ihrer Höhe geradezu schockierend. Sie sind aber kein Grund zur Panik, sondern schlicht Voraussetzung, wenn 2009 vieles anders und manches wieder besser werden soll.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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