US-Zinsen
Teufelskreis der Krise

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Stellen wir uns für einen Moment einmal vor, die US-Notenbank würde in der kommenden Woche die Leitzinsen noch einmal mit einem großen Schritt um einen halben Prozentpunkt senken. Genau das erwartet nämlich eine wachsende Zahl von Ökonomen und Investoren an der Wall Street. Was würde sich ändern?

Die Börsen würden für ein paar Tage neuen Treibstoff bekommen, der vermutlich spätestens dann verbraucht ist, wenn bei den Händlern die trübe Realität sinkender Unternehmensgewinne ins Bewusstsein zurückkehrt. Auch die prekäre Lage auf den Kreditmärkten würde sich kurzzeitig etwas entspannen. Können die Banken doch davon ausgehen, dass die Federal Reserve (Fed) auch in dieser Krise zu ihnen stehen wird. Nach ein paar Wochen wäre der ganze Spuk vorbei, und an den Finanzmärkten würde wiederum der Ruf laut werden: „Wir wollen mehr!“ Bereits jetzt fordern einige Großanleger von der Fed, die Leitzinsen von derzeit 4,5 auf unter drei Prozent zu drücken.

Wer immer gehofft hat, die Notenbank könne mit sukzessiven Zinssenkungen die Kreditklemme dauerhaft lockern, sollte spätestens jetzt merken, dass sich die akute Finanzkrise so einfach nicht bewältigen lässt. Das Misstrauen unter den Banken ist trotz zweier Zinssenkungen nicht geringer geworden. Die Rate für Dreimonatsgeld auf dem Londoner Interbankenmarkt (Libor) ist sogar auf 65 Basispunkte über den Leitzins der Fed gestiegen. Das ist einer der höchsten Risikoaufschläge, die die Kreditinstitute in den vergangenen sieben Jahren zahlen mussten.

Selbst Fed-Gouverneure räumen freimütig ein, dass sie mit einer Lockerung der Zinszügel bislang der Vertrauenskrise auf den Kreditmärkten nicht beikommen können. Die Notenbanker denken deshalb daran, das sogenannte Diskont-Fenster weiter zu öffnen. Anders als der Leitzins, mit dem die Fed die Konditionen für das Tagesgeld unter den Banken steuert, können sich die Finanzhäuser zum Diskontsatz bei der Zentralbank refinanzieren. Bislang allerdings nur zu einem Strafzins und mit dem Stigma einer Verzweiflungstat.

Die stärkere Nutzung des Diskont-Fensters zur Liquiditätsversorgung der Banken wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es wird höchste Zeit, dass sich die Fed auf ihre Aufgabe und ihre Möglichkeiten als Krisenmanagerin besinnt. Dazu gehört die Einsicht, dass die Notenbank mit weiteren Zinssenkungen nur ein Strohfeuer erzeugt und zugleich den Boden für eine Inflation und eine neue Spekulationsblase bereitet. Wer eine Rezession in den USA verhindern will, sollte darüber hinaus dem Rat des renommierten US-Ökonomen Martin Feldstein folgen und neben geldpolitischen auch an fiskalpolitische Konjunkturhilfen denken. Die Geldpolitik ist insbesondere in dieser Finanzkrise kein Allheilmittel.

Was würde also passieren, wenn die Fed am 11. Dezember den Rufen der Märkte nicht nachgibt? Die Aktienkurse würden vermutlich stark ins Rutschen kommen. Und der Druck auf die Banken würde wachsen, endlich alle Kreditrisiken offenzulegen. Je schneller das geschieht, desto besser. Zu einer Panik muss es deshalb nicht kommen. Wenn die Fed sich weigert, das Entstehen einer Spekulationsblase zu verhindern, sollte sie jetzt, nachdem die Blase geplatzt ist, nicht versuchen, die Folgen für die Finanzmärkte mit allen Mitteln zu mildern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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