US-Zinspolitik
Beherztes Handeln

Man müsste es Notenbankern, vor allem amerikanischen, nachsehen, wenn sie Allmachtsfantasien entwickeln würden. Der langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan wird gepriesen, mit seiner extremen Niedrigzinspolitik nach dem Platzen der New-Economy-Blase eine Rezession verhindert zu haben.
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Von anderen wird er beschuldigt, mit seiner lockeren Geldpolitik die Blase am Immobilienmarkt aufgepumpt zu haben, die jetzt zu platzen und das ganze Finanzsystem schwer zu schädigen droht. Und wieder sind die Notenbanken mittendrin im Geschehen. Sie sind fast die einzigen Akteure, die in einer solchen akuten Notlage für das Finanzsystem etwas tun können, um Schlimmstes zu verhindern. Es sind Billionenwerte, die durch das Tun oder Lassen der Notenbanker geschaffen oder vernichtet werden, sowohl an den Finanzmärkten als auch in der realen Wirtschaft. Man muss sich nur vor Augen führen, wie viele der in den USA und in Europa geschaffenen Arbeitsplätze direkt und indirekt am Bauboom hängen, den die niedrigen Notenbankzinsen begünstigt haben. Oder wie viele Stellen und wie viel Einkommen verlorengegangen wäre, hätte es eine Rezession gegeben. Das ist eine riesige Verantwortung.

Damit, dass sie schnell und äußerst großzügig den Banken Liquidität bereitstellten, haben die US- Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) den ersten Test mit Bravour bestanden. Aus dem Misstrauen der Banken, die sich gegenseitig keinen Kredit mehr geben wollen, weil sie nicht wissen, wer welche Leichen im Keller hat, ist vor allem durch dieses beherzte Eingreifen erst einmal keine allgemeine Liquiditätskrise entstanden. Nun stellt sich die Frage, ob die Notenbanken jetzt Märkte und Konjunktur auch mit niedrigeren Zinsen stützen sollten. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat die Fed am Freitag letzter Woche mit der Senkung ihres Diskontsatzes bereits getan. Dabei handelt es sich allerdings um einen Leitzins aus der zweiten Reihe, der in normalen Zeiten nicht wichtig ist, weil die entsprechenden Kreditlinien nur vereinzelt genutzt werden. Ihren wichtigsten Leitzins, der das kurzfristige Zinsniveau bestimmt, hat die Federal Reserve noch nicht angetastet.

Es fehlt nicht an lauten Warnungen, die amerikanische Notenbank solle bloß nicht schon wieder die Zinsen senken und damit die nächste Blase provozieren. Solche Prinzipienfestigkeit fällt denen, die in der Verantwortung stehen, naturgemäß schwerer als denen, die kommentieren. Damit die Fed nicht auch zinspolitisch zu Hilfe eilt, wenn das Finanzsystem in Gefahr ist und eine Rezession droht, müsste man ihr schon einigermaßen konkret die drastischen negativen Konsequenzen eines solchen Agierens aufzeigen. Doch das fällt gar nicht so leicht. Jetzt noch wichtige Vermögensmärkte zu identifizieren, auf denen sich neue Blasen bilden könnten ist schwierig. Wenn die Zinsen möglicherweise drastisch gesenkt werden müssten, um eine Rezession zu verhindern, dann dürfte dies lediglich dazu führen, dass die Verluste an den Aktien- und Immobilienmärkten in Grenzen bleiben. Investoren gänzlich vom Verlustrisiko zu bewahren kann nicht einmal die fast allmächtige US-Notenbank. Und selbst wenn sie es könnte, wollte sie es nicht. Auch nach der Rettungsaktion der Notenbanker vor fünf Jahren mussten diejenigen, die in die überbewerteten Aktienmärkte investiert hatten, herbe Verluste verkraften.

Die Realwirtschaft dagegen kam recht glimpflich davon, insbesondere in den USA. In Europa benötigte die Europäische Zentralbank viel mehr Zeit, um die Gefahr für die Konjunktur zu erkennen und mit ihrem Leitzins darauf zu reagieren. In Europa sind die Notenbanker in ihren Prinzipien gefestigter. Sie gleichen den Eltern, die ihre Kinder auch schon mal von der Mauer fallen lassen, damit sie etwas für die Zukunft lernen. Falls die Krise an den Finanzmärkten weiter ihren Lauf nehmen sollte, stünde zu befürchten, dass die EZB wieder sehr viel langsamer reagieren wird als die Federal Reserve. Mit seinen 19 stimmberechtigten Mitgliedern, die noch dazu im Konsens entscheiden, gleicht der EZB-Rat einem Tanker, der seine Richtung nur sehr langsam ändern kann. Dass die EZB im Notfall auf die eigentlich für Anfang September vorgesehene Zinserhöhung verzichtet, ist für längere Zeit das Äußerste, was man von ihr erwarten kann. Europas Notenbanker sind im Vergleich zu den Amerikanern ja auch in einer komfortablen Position. Sie können, ohne allzu großen Schaden anzurichten, Ruhe bewahren und Prinzipienfestigkeit demonstrieren, wenn die sehr viel wichtigere US-Notenbank unterdessen durch entschlossenes Handeln die Weltwirtschaft vor dem Absturz bewahrt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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