USA
Beruhigungspillen

Krise? Welche Krise? Die Finanzmärkte haben sich in der vergangenen Woche deutlich beruhigt, ganz so, als wäre das ganze Ausmaß der Kreditprobleme nun bekannt und wären die Folgen klar abzusehen.
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Der Volatilitäts-Index (VIX) der Optionsbörse Chicago, ein verlässlicher Indikator für die Angst der Investoren, ist sechs Börsentage in Folge gefallen.

Die Entspannungsmusik kommt in erster Linie aus den Vereinigten Staaten, dem Nervenzentrum des Hypothekendebakels. Dort stellten die Hauptdarsteller in der Vorwoche zwei Dinge unter Beweis. Erstens: handfestes, effizientes Krisenmanagement. Zweitens: Die Freunde der Wall Street ziehen energisch an einem Strang, wenn es eng wird.

Dazu zählt nicht zuletzt die Notenbank Federal Reserve (Fed), die hinter den Kulissen zu immer kreativeren Maßnahmen greift, um die Märkte mit Liquidität zu versorgen. Am Freitag gab sie eine Ausnahmeregelung bekannt und sperrte ihr sogenanntes „Diskont-Fenster“, von dem sich nur Banken bedienen dürfen, indirekt auch für Wertpapierhändler auf: Auf diese Weise kann zum Beispiel die Citibank ihrem Brokerhaus Citigroup Global Markets bis zu 25 Mrd. Dollar Flüssiges besorgen. Sieht so etwa „business as usual“ aus? Wenn Notenbankchef Ben Bernanke beim nächsten Anfall des Marktes jetzt noch den Leitzins absenkt, sind die Forderungen der Wall-Street-Lobby voll erfüllt und ist das letzte Fed-Pulver verschossen um den Preis neuer Inflationssorgen.

Eilig werden auch in Kalifornien, Heimstätte des größten Hypothekenfinanzierers Countrywide Financial, Brände ausgetreten. Der zwei Milliarden Dollar teure Einstieg der Bank of America soll in erster Linie Spekulationen verstummen lassen, dass es nach Dutzenden von Pleiten in dieser Branche auch ein Schwergewicht erwischen könnte. Das darf nicht passieren; sonst wäre jeder neue Versuch, die Märkte ruhigzustellen, zum Scheitern verurteilt. So aber reagierte der Finanzmarkt positiv, er verlangt nach diesen Beruhigungspillen – also soll er sie weiter bekommen. Der Takt der Vorwoche zeigt die in den USA empfohlene Dosis an: einmal täglich, mindestens!

Die heimische Wirtschaft sei stark, tönte zunächst US-Präsident George W. Bush. Tags darauf sagte Finanzminister Henry Paulson, einst Chef der Investmentbank Goldman Sachs, die USA würden die Kreditklemme „just fine“ überstehen. Schließlich beruhigte auch Notenbankchef Bernanke die Gemüter: Er werde alle möglichen Werkzeuge nutzen, um den vom Austrocknen bedrohten Kreditmarkt „angemessen“ mit Liquidität zu versorgen.

Selbst die US-Medien helfen mit: Der Wirtschaftssender CNBC zerrte Investorenlegende Warren Buffett vors Mikrofon und befragte ihn zur Lage der Dinge im Finanzsektor. Das „Orakel aus Omaha“ sagte zwar nichts annähernd Konkretes und gab statt geplanter Investments seine Lieblingssüßigkeiten preis, aber Buffetts belangloses Gemurmel ging dennoch um die Welt. Der Mann mit fast 50 Milliarden Dollar in der Hinterhand könnte ja bald einsteigen – vielleicht, eventuell – und auf diese Weise das ultimative Kaufsignal geben. Die meisten Analysten raten ihm zu.

Unbeirrt gehen sie davon aus, dass die Größten aus dem Börsenindex S&P 500 in den nächsten Monaten mit weiteren deutlichen Gewinnsteigerungen glänzen werden. Selbst der Finanzbranche, dem Krisenherd an der Wall Street, trauen sie im dritten Quartal 2007 ein prozentual zweistelliges Gewinnplus zu – obwohl nicht wenige Ökonomen über solche Prognosen den Kopf schütteln. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich über derart aktive Wall-Street-Helfer.

Die Großbanken selbst verhalten sich ruhig, verdächtig ruhig. Während Hunderttausende Amerikaner ihre Häuser nicht mehr halten können und Hypothekenfirmen dutzendweise pleitegehen, versuchen die Anstifter der Kreditblase, das Problem auszusitzen. Das kann gutgehen, wenn sich der Markt der aktuell unverkäuflichen Derivate mit einer Subprime-Beteiligung noch einmal fangen sollte. Klappt das nicht, bekommen auch die Verwalter dieser Wertpapiere ein Riesenproblem.

Das Schweigen der Banken ist wenig vertrauenerweckend, genauso wenig wie die aufmunternden Worte der vielen Wall-Street-Freunde. Ihre Beruhigungspillen verhindern vielleicht Panikreaktionen, sie sind aber keine Medizin, die die Ursachen einer schweren Krankheit bekämpft.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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