USA-China
Alte Schablonen

Noch immer nennt man in Washington die einen gern „Panda Huggers“ und die anderen „China Hawks“. Zwar sollte die Zuordnung der amerikanischen China-Politiker entweder in das Lager der blinden Freunde Pekings oder der Falken längst überholt sein. Doch die Debatte um den richtigen Kurs gegenüber China wird auch nach dem Treffen von US-Präsident George W. Bush mit Hu Jintao, seinem Amtskollegen aus Peking, am Rande des Apec-Gipfels in Sydney in dieser Woche nicht beigelegt sein.
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Politiker vom Zuschnitt eines Hank Paulson haben längst erkannt, dass die bisherigen Schablonen veraltet sind. Nur: Der amerikanische Finanzminister ist nicht nur der öffentlichen Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen den USA und China weit voraus. Er hat auch einen erheblichen Teil der Parlamentarier im US-Kongress gegen sich. Denn die fordern immer wieder eine Schwarz-Weiß-Politik gegenüber Peking. So, als könnten die Probleme der amerikanischen Wirtschaft, des negativen Außenhandels, der Auslagerung von Betrieben und des schwachen Dollars schlichtweg dadurch gelöst werden, dass der Druck auf China erhöht wird. Doch die Realität ist eine andere: Die USA leiden bei weitem nicht nur, sie profitieren in erheblichem Maße von der engen ökonomischen Verflechtung mit China.

Natürlich importieren die USA Waren in enormen Größenordnungen aus China. Und vielleicht kaufen sie auch tatsächlich zu viel in Fernost ein. Doch gleichzeitig leben die Amerikaner auch sehr gut vom Absatzmarkt und Produktionsstandort China. Mehr als 70 Milliarden Dollar reicher sind die USA jährlich durch die Geschäfte mit China. Und das chinesische Interesse am Kauf von US-Anleihen produziert nicht nur Abhängigkeiten und Gefahren. Es sorgt auch dafür, dass die Inflation in den USA niedrig bleibt, dass es Wachstum gibt und Jobs. Allerdings: Es gibt wie stets auch in diesem Verhältnis Sieger und Verlierer. Und die Verlierer sind etwa jene, deren Arbeitsplätze in den Fernen Osten abwandern.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrer China-Reise demonstriert, wie man mit dem China-Komplex so umgehen kann, dass man sich nicht entweder auf ein „Ja“ oder auf ein „Nein“ zu China festlegen muss. Indem sie die gewachsene Stellung Chinas anerkannte, konnte Merkel Peking Verantwortung zuweisen, es gleichzeitig aber auch kritisieren. Die dynamische Volksrepublik sollte verstehen, dass sie nicht immer dann, wenn es schwierig wird, als Entwicklungsland unter dem Radar durchsegeln kann, aber Ansprüche einer Industrienation erheben darf, wenn es um die Machtverteilung geht, wie etwa in internationalen Organisationen. Dass Peking bei der eigenen Rollendefinition schwer mit sich selbst ringt, weiß Merkel. Und geschickt hat sie diese Karte auf ihrer Reise ins Spiel gebracht.

Die besonnenen China-Experten in den USA fordern einen ähnlichen Ansatz auch von ihrer Regierung. Die Verabschiedung von Anti-China-Gesetzen im Kongress halten sie für grundfalsch. Sie würden nur den alten Reflex bedienen, der bereits in den 70er- und 80er-Jahren populär war, als seinerzeit Japan für sämtliche Probleme der US-Wirtschaft verantwortlich gemacht wurde. Ökonomisch muss Washington vielmehr das eigene Haus in Ordnung bringen. Politisch und psychologisch muss es sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass China die amerikanische Stellung in der Welt so massiv angreift wie seit Jahrzehnten, wie seit der Sowjetunion keine Macht mehr.

Doch die USA haben Zeit, die sie nutzen können. Denn die gewaltigen innenpolitischen Probleme Chinas werden das Reich auf absehbare Zeit davon abhalten, auch politisch auf Augenhöhe mit den USA zu operieren. China wird sich mit den Folgen des Wachstums, den Konsequenzen seiner ungünstigen Alterspyramide und mit dem Ruf nach mehr gesellschaftlicher Offenheit auseinandersetzen müssen. Es wird sich deshalb kaum auf politische Abenteuer einlassen. Damit dürfte es in den kommenden Jahren die USA außenpolitisch nicht nachhaltig stören.

Washington sollte diese Zeit nutzen, um sein Verhältnis zu China zu bereinigen. Dass dies einer Supermacht wie den USA schwerer fällt als einer Mittelmacht wie Deutschland liegt auf der Hand.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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