USA
Das China-Syndrom

Außer Spesen nichts gewesen. Das ist aus Sicht vieler US-Kongressabgeordneter die magere Bilanz des zweitägigen „Strategischen Wirtschaftsdialogs“ zwischen Amerika und China in Washington.
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Selbst US-Finanzminister Henry Paulson musste als Gastgeber und Schirmherr der Gespräche einräumen, dass die Fortschritte, gemessen an den sehr hohen Erwartungen seiner Landsleute, „marginal“ sind. Ein paar mehr Flugverbindungen und etwas mehr Freiheit für Banken auf dem chinesischen Markt: Das war’s. Kein Wort zum Währungsstreit, kein Einlenken der Chinesen beim Schutz von Urheberrechten.

Für die Protektionisten im amerikanischen Parlament war das viel zu wenig. Und so machte der einflussreiche Kongressabgeordnete Charles Rangel Chinas Vizepremierministerin Wu Yi unmissverständlich klar, dass nicht die Bush-Administration, sondern der US-Kongress „den Willen des amerikanischen Volkes beim Handel mit China repräsentiert“. Und der Kongress tobt.

Experten erwarten, dass die Abgeordneten noch im Laufe dieses Jahres Strafzölle gegen China auf den Weg bringen. Mehr als ein Dutzend Anti-China-Gesetze stecken in der Pipeline. Da der Unmut über die bisherige Tatenlosigkeit der Führung in Peking parteiübergreifend ist, wird vermutlich auch Präsident Bush die protektionistische Welle nicht stoppen können. Die Administration hat im Vorgriff Sanktionen gegen Papierimporte aus China verhängt und Peking bei der Welthandelsorganisation WTO angeprangert.

Ökonomisch sind die meisten Klagen der Amerikaner ebenso unsinnig wie kontraproduktiv. Die von den USA geforderte Aufwertung der chinesischen Währung Renminbi würde das riesige Handelsdefizit mit dem Reich der Mitte kaum verringern, sondern vor allem zu einer Verschiebung der Handelsströme führen. Die US-Politiker übersehen, dass die meisten Waren, die Amerika heute aus China importiert, gar nicht mehr im eigenen Land hergestellt werden. Die USA haben dafür ihre industrielle Basis längst aufgegeben.

Die Anti-China-Stimmung in den USA hat weniger wirtschaftliche als vielmehr psychologische Gründe. Ähnlich wie in den 80er-Jahren die Furcht vor einem Ausverkauf des Landes an Japan die Runde machte, ist es heute die Angst vor der kommenden Supermacht in Asien, die Amerika umtreibt. Damals wie heute ist die protektionistische Stimmung ein Zeichen für die tiefe Verunsicherung vieler Amerikaner. Das mag auf den ersten Blick verwundern. Zwar ist das Wachstum der US-Wirtschaft in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen. Eine Rezession ist jedoch unwahrscheinlich. Die Arbeitslosenquote ist mit 4,5 Prozent immer noch beneidenswert niedrig.

Wenn die US-Bürger ihre Kongressabgeordneten dennoch auf die Barrikaden treiben, liegt es daran, dass die wirtschaftliche Realität der amerikanischen Mittelklasse weit weniger rosig ist, als die Wirtschaftsdaten es erscheinen lassen. Die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen rapide. Gleichzeitig bauen die Unternehmen ihre Zuschüsse zur Krankenversicherung ab. Stark angestiegen sind auch die College-Gebühren. Ohne eine gute Ausbildung gerät jedoch der amerikanische Traum von einem besseren Leben der nachfolgenden Generation ins Wanken.

Zudem verstärkt sich im Land das Gefühl einer wachsenden sozialen Ungleichheit. Lange Zeit stagnierende Löhne bei gleichzeitig exzessiven Managergehältern haben den Abstand zwischen Arm und Reich vergrößert. Die Globalisierung hat diese Entwicklung noch dadurch verstärkt, dass sie die Gewinne sehr einseitig zu Gunsten der gut Ausgebildeten mit hohem Einkommen verteilt. Dieser Trend könnte sich noch beschleunigen. Renommierte Ökonomen wie Alan Blinder von der Elite-Universität in Princeton gehen davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten bis zu 40 Millionen Jobs in den Vereinig-ten Staaten vom globalen Wettbewerb erfasst werden.

China als vermeintlich größter Gewinner der Globalisierung kommt da als Sündenbock gerade recht. Zumal die Chinesen wahrlich keine Musterschüler des Welthandels sind und genügend Angriffsflächen bieten. Protektionismus ist jedoch keine Antwort auf Probleme, die vor allem in Amerika selbst liegen. Die Globalisierung lässt sich dadurch allenfalls bremsen, aber nicht aufhalten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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