USA
Die stille, kompetente Hillary

Bill Clinton beherrscht die Schlagzeilen, aber seine Frau beherrscht ihr Geschäft. Sie arbeitet loyaler und geräuschloser, als man hätte erwarrten können.
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Im trägen Frühsommer war es regelrecht Mode geworden, Hillary Clinton herunter-, ja, abzuschreiben. Die Journalisten in der US-Hauptstadt und anderswo ergingen sich in Analysen darüber, wie Barack Obama seine Außenministerin in einen toten Winkel verbannt habe, wie ihre Person nur noch fade schimmere und wie er mit den Bollwerken des Weißen Hauses, seines Vizes Joe Biden und des Finanzministeriums das Außenministerium "eingemauert" habe. Trat Hillary auf und hielt eine Grundsatzrede, wurde das als Neuauflage von bereits Bekanntem gegeißelt. Auch das ist Washington: Wer einmal in die publizistische Abwärtsspirale geraten ist, für den ist schwer zu entrinnen.

Nun gibt es neuen Anlass. Denn nicht Hillary Clinton hat die beiden amerikanischen Journalistinnen aus den Händen Nordkoreas befreit. Es war ihr Mann Bill, dem nun alle Aufmerksamkeit gehört - während Hillarys Reise nach Afrika in der Berichterstattung kaum eine Rolle spielt. Es scheint also, als sei dies ein weiterer Beleg für die These von der unsichtbaren, der einflusslosen Hillary. Trotzdem ist die These falsch.

In Wahrheit ist es bewundernswert, wie diese Frau, die vor gut einem Jahr noch um die Nominierung als demokratische Präsidentschaftskandidatin kämpfte, in ihre neue Rolle hineingefunden hat. Statt Neben-Präsidentin, was zu befürchten war, ist sie tatsächlich Außenministerin. Statt schmollender Kritikerin jenes Mannes, dem sie knapp unterlegen war, ist sie seine Unterstützerin. Ohne viel Lärm wertet sie das Außenministerium, das unter ihrer Vorgängerin Condoleezza Rice zum verlängerten Arm des Weißen Hauses verkam, wieder auf: mit guten Leuten und einem höheren Budget. Diese Arbeit mag keine Schlagzeilen produzieren. Doch langfristig wird sie sich auszahlen.

Denn auch dafür ist Hillary Clinton bekannt: dass sie dicke Bretter bohrt. Die ehemalige Senatorin von New York hatte schon im Wahlkampf mehr auf Inhalte denn auf Effekte gesetzt. Das gilt auch jetzt. Als es etwa um die Frage der Entsendung zusätzlicher Truppen nach Afghanistan ging, war es vor allem die konsistente Argumentation von Hillary Clinton - und nicht von Joe Biden - auf die Obama hörte. In der Öffentlichkeit blieb diese Rolle weitgehend unbemerkt. Auch, weil Hillary nicht das Licht der Talkshows sucht. Das mag gegenüber so manchen Selbstdarstellern wie Biden, Larry Summers oder zuweilen Obama selbst kurzfristig ein Nachteil sein. Doch wer jetzt bereits den Stab über die Außenministerin bricht, der irrt. Sechs Monate Amtszeit sind für Hillary Clinton keine wirkliche Messlatte. Wie stets in ihrem Leben plant die 61-Jährige auch diesmal langfristig.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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