USA
In der Sackgasse

Vor wenigen Tagen hat sich das Regionalparlament des US-Bundesstaates Maryland dafür ausgesprochen, dass alle dort ansässigen Großunternehmen mindestens acht Prozent ihrer Lohn- und Gehaltssumme in die Krankenversicherung ihrer Mitarbeiter einzahlen sollen. Kurz zuvor legte der Computerkonzern IBM die Betriebsrente für seine 120 000 US-Beschäftigten auf Eis.

Die Autobauer General Motors, Ford und Chrysler wollen ebenfalls ihre Sozialausgaben drastisch kürzen. Und große Fluggesellschaften wie United Airlines haben sich gleich ganz von der Altersvorsorge für ihre Beschäftigten verabschiedet und ihre Rentenverpflichtungen der staatlichen Pensionssicherungskasse aufgebürdet.

Amerikas Unternehmen kündigen einen 130 Jahre alten Sozialvertrag, der lange als Gegenmodell zur staatlichen Sozialversicherung in Europa galt. Während hier zu Lande immer noch „Vater Staat“ dafür sorgt, dass die Beschäftigten ihre Lebensrisiken abdecken, haben das in den USA insbesondere die Großunternehmen übernommen. Betriebliche Renten und Krankenversicherungen gehörten lange Zeit zur Grundausstattung der meisten Jobs in Amerika: „welfare capitalism“, Wohlfahrtskapitalismus statt Wohlfahrtsstaat. Mit ihrem Paternalismus wollten die US-Konzerne auch dafür sorgen, dass ihnen der Staat nicht wie in Europa einfach Sozialausgaben aufzwingt.

Das ging so lange gut, wie die Belegschaften jung und gesund und die Firmen weitgehend vor dem globalen Wettbewerb geschützt waren. Doch seitdem die Zahl der Pensionäre steigt, die Gesundheitskosten explodieren und die US-Beschäftigten mit Billigarbeitern in China konkurrieren müssen, können sich viele US-Unternehmen ihre Fürsorge nicht mehr leisten. So wie der überforderte Sozialstaat in Europa vor dem Offenbarungseid steht, so suchen Amerikas Fluggesellschaften im Gläubigerschutz Zuflucht vor den finanziellen Folgen ihrer Sozialversprechen. Das Gleiche haben vor ihnen bereits die Stahlhersteller getan.

Bei der Suche nach einem Ausweg aus der Krise ist man jenseits des Atlantiks auch noch nicht viel weiter als bei uns. Die Demokraten und Teile der Industrie fordern eine staatliche Krankenversicherung. Zwar gibt es für Rentner und Arme bereits eine staatliche Unterstützung, diese deckt jedoch nur den Mindestbedarf ab. Die Idee einer universalen Krankenversicherung dürfte mit der möglichen Präsidentschaftskandidatur von Hillary Clinton 2008 neuen Schub bekommen. Hat sich die heutige Senatorin doch schon als First Lady in den 90er-Jahren vergeblich darum bemüht, allen Amerikanern einen Mindestschutz zu garantieren.

Seite 1:

In der Sackgasse

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%