USA
Kommentar: Optimistisch, bis es kracht

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Der Verbraucher, dessen Ausgaben für mehr als 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stehen, habe im Weihnachtsgeschäft fröhlich weiter konsumiert, gibt sich der US-Händlerverband optimistisch wie eh und je. Dass die maßgeblichen Kennziffern seit Wochen im Minus liegen, verkommt zur Randnotiz. Die Branche kommuniziert unverdrossen Pluszahlen. Das ist gut für die Stimmung, und die ist im neuen Jahr wichtiger denn je.

Das gilt nicht zuletzt für die Großbanken an der Wall Street: Sie können handfeste Schwierigkeiten zwar nicht länger verbergen, halten aber unverdrossen an ihrer Salamitaktik fest. Während seriöse Schätzungen von etwa 400 Milliarden Dollar Wertverlust im Zuge der Subprime-Krise ausgehen, zieren sich viele Kreditinstitute noch immer, das ganze Ausmaß ihrer Fehlspekulationen offenzulegen.

Wer die Kommunikation der Amerikaner verstehen will, muss tief in ihr sonniges Gemüt blicken. Ein Private-Equity-Manager, Amerikaner mit deutschen Vorfahren, sagt es so: „Wenn das vergangene Jahr traumhaft war, muss das nächste besser werden – irgendwie. Das glaubt der Amerikaner so lange, bis es kracht.“

Good morning, America, es wird krachen! Gegner der These mögen einwenden, dass der Abschwung schon seit vielen Jahren an die Wand gemalt wird und die Kassandrarufer bisher regelmäßig falschlagen. Doch in diesem Zeitraum sind die ohnehin astronomischen Schulden der Amerikaner auf neue Rekordvolumina gestiegen und haben das zentrale Risiko der US-Wirtschaft – ein auf Pump erkauftes Wachstum – nur vergrößert. Allein die Kreditkartenschulden der Amerikaner belaufen sich auf mehr als 900 Milliarden Dollar.

Die Indizien, dass dem Durchschnittsverbraucher nach sieben Jahren unbändiger Konsumlust die Puste ausgehen und die Endphase des Präsidentschaftswahlkampfs in eine handfeste Wirtschaftskrise fallen wird, sind im Januar 2008 erdrückend. Der Wertverfall bei Immobilien, die die Amerikaner jahrelang wie Geldautomaten benutzten, hat eingesetzt. Sollten die Preise, wie allseits erwartet, um zehn bis 15 Prozent fallen, wird ein negativer Vermögenseffekt von mehr als zwei Billionen Dollar auf den Konsum drücken. Derweil galoppieren Benzin- und Heizkosten, und die Kreditvergabe klemmt.

Die Krise ist auch am Arbeitsmarkt angekommen: Im Dezember wurden so wenige neue Stellen geschaffen wie seit 2003 nicht mehr, die Arbeitslosigkeit stieg auf fünf Prozent – für die USA ein relativ hoher Wert. Damit meldet auch eine der letzten Bastionen der Konjunkturoptimisten Feueralarm. Goldman Sachs und Morgan Stanley sehen zudem 2008 als das Jahr, in dem sich Europa und Asien wieder stärker an die USA ankoppeln und die gegenseitigen Abhängigkeiten zu einem schwächeren Wirtschaftswachstum führen werden. Vorteil der USA bleibt einzig, dass die Wirtschaft – Stichwort „hire and fire“ – sehr reaktionsschnell ist. Amerika wird die Krise daher vermutlich schon wieder überwunden haben, wenn Europa und Asien noch mit den Folgen kämpfen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland

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