USA
Positionskämpfe

Würde der US-Präsident mit Dollar-Noten gewählt, hätte Barak Obama derzeit die besten Chancen. Mit einem Spendenaufkommen von mehr als 32 Millionen Dollar im zweiten Quartal hat der dunkelhäutige Demokrat nicht nur seine Rivalin Hillary Clinton hinter sich gelassen, sondern die komplette Riege der republikanischen Kandidaten abgehängt.
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Viel Geld allein reicht aber nicht, um im November 2008 ganz vorn zu liegen. So liegt Obama in den nationalen Umfragen weiter hinter der ehemaligen First Lady. Doch ohne Geld läuft in den USA gar nichts. Das hat der republikanische Senator John McCain erfahren müssen. Weil sein Spendentopf fast leer ist, löst sich sein Wahlkampfteam gerade auf. Das Wettrennen der Kandidaten um Wahlkampfspenden ist jedoch mehr als eine Dollar-Strichliste. Es gibt auch Aufschluss über einige Trends und Stimmungen unter Amerikas Wählern. Dass die demokratischen Spitzenkandidaten mit Geld förmlich überschüttet werden, zeigt den Enthusiasmus, mit dem das liberale Amerika auf 2008 blickt. Allein Obama hat Spenden von 258 000 Amerikanern erhalten – eine ungewöhnlich breite Unterstützung in diesem sehr frühen Stadium des Vorwahlkampfs. Der Wechsel, so glauben die demokratischen Anhänger, ist zum Greifen nah.

Laut Umfragen sind zwei Drittel der Demokraten zufrieden mit ihren Kandidaten. Bei den Republikanern ist es genau umgekehrt. Die Parteianhänger von Präsident George W. Bush blicken auf ein Kandidatenfeld ohne Glanz. Der einstige Favorit McCain droht nicht nur finanziell in der Versenkung zu verschwinden. Mit seiner Unterstützung für ein liberales Einwanderungsgesetz und dem Plädoyer für mehr US-Truppen im Irak hat es sich der notorische Querdenker mit dem konservativen und dem gemäßigten Flügel seiner Partei gleichermaßen verscherzt. Der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani liegt zwar in den Umfragen vorn, muss jedoch bei jeder Debatte erklären, warum er Abtreibungen für legal hält, obwohl er sie gleichzeitig verabscheut. Mitt Romney, der frühere Gouver-neur aus Massachusetts, vermeidet solche Widersprüche einfach da-durch, dass er seinen alten liberalen Positionen in Wertefragen kurzerhand abgeschworen hat und sich jetzt als Wertekonservativer geriert. Solches politische „Flip-Flopping“ kam bei den Wählern zuletzt gar nicht gut an. Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat John Kerry kann ein Lied davon singen. Dennoch hat es Romney mit polierten Parolen, seinem telegenen Aussehen und viel Geld geschafft, sich in den wichtigen Bundesstaaten Iowa und New Hampshire in die Spitzenposition vorzuarbeiten. Dort finden traditionell die ersten Vorwahlen statt.

Den meisten Rückenwind bei den Republikanern hat im Moment Fred Thompson, ein vom Politiker zum Schauspieler gewandelter Populist, der seine Kandidatur offiziell noch gar nicht erklärt hat. Er spekuliert auf die verbreitete Unzufriedenheit mit den republikanischen Kandidaten und überzieht das Land mit populistischen Reden über soziale Werte und Patriotismus. Sollte McCain seine Präsidentschaftspläne begraben, dürfte Thompson neben Giuliani am meisten davon profitieren. So wichtig die frühen Positions-kämpfe der Kandidaten sind, so wenig sagen sie darüber aus, wer im November 2008 das Weiße Haus erobern wird. Entscheidend ist vielmehr, wie stark die Wahl von der nationalen Sicherheit und der Debatte über soziale Werte bestimmt wird. 2004 wirkten beide Faktoren zu Gunsten des heutigen Präsidenten. Sollte sich die Lage im Irak nicht bessern und bleibt Amerika vom Terror verschont, dann könnten die Republikaner ihren stärksten Trumpf verlieren.

Für die Demokraten stellt sich die gleiche Frage. Selbst ohne eine konkrete Alternative werden sie von dem Debakel im Irak profitieren. Bleibt bei den Wählern in der Frage der nationalen Sicherheit ein Restzweifel, dürften sie Clinton mit ihrer Erfahrung den Vorzug vor Obama geben. Gelingt es dem Jungstar jedoch, in der Wertedebatte den Spieß umzudrehen und die Massen mit seiner Botschaft von einem modernen, einigenden und weltoffenen Patriotismus zu mobilisieren, dann hat er alle Chancen, der erste schwarze Präsident Amerikas zu werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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