USA
Traum und Trauma

Die Analogie war höchst unglücklich gewählt: Als Hillary Clinton kürzlich die Wahlkampagne 2008 mit jener des Jahres 1968 verglich, da ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die demokratische Partei.
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Denn Hillary begründete ihren Verbleib im Rennen um die Nominierung mit den Ereignissen vor 40 Jahren. Damals gab es mit Robert F. Kennedy auch einen jugendlichen Aufsteiger wie heute Barack Obama – und mit Lyndon B. Johnson einen Kandidaten des Establishments.

Doch noch bevor Robert Kennedy am 5. Juni 1968 angeschossen wurde und tags darauf starb, gab LBJ auf, obwohl er eigentlich auf die Wiederwahl hoffen durfte. Übrig blieb als demokratischer Präsidentschaftsbewerber nur der blasse Hubert Humphrey, der schließlich gegen den Republikaner Richard Nixon verlor. Was Hillary Clinton deshalb mit ihrem Vergleich eigentlich sagen wollte: Sie will kein zweiter LBJ sein. Was sie aber unfreiwillig damit auch sagte: Wer weiß, was mit Blick auf Barack Obama in den nächsten Wochen noch geschieht.

So unsensibel Hillary Clinton ihre Worte auch wählte, so sehr hat sie einen wunden Punkt berührt. Denn 1968 bezeichnet für die Demokraten bis heute eine historische Wasserscheide. Machtpolitisch markiert das Jahr das Ende eines goldenen Zeitalters. Seit 1933 hatten Demokraten im Weißen Haus regiert, einzig unterbrochen durch acht Jahre der Präsidentschaft von Dwight D. Eisenhower. Doch nach dem Tod von John F. Kennedy schien die Erfolgsspur für die Demokraten zu Ende zu gehen. Unter Johnson verstrickte sich das Land tief im Vietnam-Krieg. Und durch die Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung hatten sich die Demokraten ihre Position im Süden der USA verbaut. Die weißen Amerikaner liefen zu den Republikanern über – und blieben dort zu großen Teilen bis heute.

Doch auf einmal erschien eine Erlösung aus dieser Misere möglich. Und die war mit dem Namen von Robert F. Kennedy verbunden. RFK sollte die tiefen Gräben überwinden, welche die 60er-Jahre geschlagen hatten. Der jugendliche Kennedy versprach den Ausstieg aus dem Vietnam-Krieg, und es schien, als könne er in seiner Person viele aus der einstigen demokratischen Gefolgschaft wieder versöhnen, die in die Protestbewegung abgewandert waren. Außerdem war der Junior-Senator aus New York bei der schwarzen Bevölkerung hoch angesehen. Gemeinsam mit Martin Luther King und Johnson hatte er die Ziele der Bürgerrechtler über Jahre vehement unterstützt. Nach dem Tod von King nur zwei Monate zuvor hatte Kennedy zudem genau jene Fragen gestellt, die in eine neue Richtung wiesen. „Wie kann es sein, dass wir den Schwarzen zwar Schecks ausstellen, ihnen dann aber sagen, dass es keine Jobs gibt?“

Kennedy wollte weg vom liberalen Wohlfahrtsstaat, der sich unter Johnson breitgemacht hatte, und hin zu mehr Selbstverantwortung. Die politische Bewegung sollte von unten kommen, nicht mehr nur von oben. So wurde RFK in der kurzen Zeit seiner Wahlkampagne regelrecht zum Volkstribun, den die Menschen auf Händen trugen.

Doch am 82. Tag des Rennens um die Präsidentschaft war der Traum schon wieder zu Ende. Am Abend seines Vorwahltriumphs in Kalifornien wurde Kennedy von dem Palästinenser Sirhan Sirhan erschossen. Die Demokraten rutschten in ein tiefes Tal, die Wiederwahl von Richard Nixon vier Jahre später entwickelte sich zu einem Desaster. Der demokratische Bewerber George McGovern verlor 1972 in 48 von 50 Bundesstaaten. Und abgesehen von der kurzen und unglückseligen Präsidentschaft von Jimmy Carter, sollten die Demokraten bis 1992 bei der Vergabe der Präsidentschaft nur Zuschauer sein.

Die Demokraten im Jahr 2008 treibt deshalb zweierlei um: die großen Chancen, die mit einem Sieg von Barack Obama verbunden wären, und der Abgrund, der droht, sollte die Rückkehr ins Weiße Haus misslingen. Mit Barack Obama verfügt die Partei wie seit langem nicht mehr über eine Figur, welche die Massen inspiriert und mobilisiert. Er soll nicht weniger leisten als das: die Demokraten wieder zu jener bestimmenden Kraft werden lassen, die sie einst waren. Scheitert er jedoch bei diesem Versuch, dann fürchten viele den Absturz in die Sinnkrise. Dann wird die Partei mit der Tatsache hadern, dass sie dem Visionär Obama ihr Vertrauen schenkte und nicht der Arbeiterin Hillary Clinton. Und das schmerzliche Kennedy-Trauma bliebe weiter am Leben.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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