USA
Trügerische Sicherheit

Anleger in Europa zittern nicht zu Unrecht. Auch sie könnte die US-Immobilienkrise treffen.

Haben Sie den Namen New Century schon einmal gehört? Nicht? So geht es vermutlich den meisten Deutschen, wenn sie die Schlagzeilen über die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt lesen. „Was geht mich das an?“ werden sich viele fragen. Was sich im Moment rund um den kleinen Baufinanzierer New Century aus Kalifornien zusammenbraut, hat jedoch bereits eine Kettenreaktion ausgelöst. Weltweit gehen die Aktienmärkte auf Talfahrt. Die Anleger flüchten in den sicheren Hafen risikoarmer Staatsanleihen.

Grund dafür ist die Angst vieler Investoren, dass die steigenden Zahlungsausfälle auf dem US-Hypothekenmarkt die Stabilität des internationalen Finanzsystems gefährden könnten. Das klingt erst einmal weit hergeholt. Ein genauer Blick in die feinen Verästelungen der Finanzwelt zeigt jedoch, dass Anleger in Europa und Asien nicht zu Unrecht zittern, wenn Hausbesitzer in den USA ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können. Durch die vielen neuen Finanzprodukte sind die Risiken zwar weitaus besser verteilt als früher. Die Ansteckungsgefahr ist damit jedoch auch ungleich größer geworden.

Baufinanzierer wie New Century haben während des Immobilienbooms der vergangenen Jahre großzügig Darlehen an Kunden mit geringer Bonität vergeben. Auf einen Eigenkapitalbeitrag wurde dabei ebenso oft verzichtet wie auf einen Einkommensnachweis. „Was kann schon passieren“, dachte man sich, „wenn die Hauspreise jedes Jahr zweistellig steigen?“

Ein irrationaler Überschwang, der mit der kopflosen Euphorie während der Internetblase durchaus vergleichbar ist. Finanziert wurde das Glücksspiel meist von den großen Wall-Street-Häusern. Sie gaben den Baufinanzierern Geld für die Darlehen, kauften ihnen die Hypotheken ab und reichten sie in Form von verbrieften Anleihen an Investoren in aller Welt weiter. So finden sich heute viele dieser Anleihen in den Portfolios großer institutioneller Fondsgesellschaften. Deren Anteile wiederum dürften auch viele Bundesbürger in ihrem Depot halten

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Das war für alle Beteiligten ein überaus lukratives Geschäft – solange der Boom anhielt. Gerade mit Hypotheken, die an wenig kreditwürdige Kunden vergeben wurden, konnte man einen Reibach machen. Ließen sich die Investoren das höhere Risiko durch noch höhere Zinsen vergüten. Zudem weisen die Finanzfüchse an der Wall Street bis heute darauf hin, dass dank neuer Finanzprodukte wie der so genannten „mortgage-backed securities“ die Gefahren breit gestreut seien.

Richtig ist, dass die Banken die Risiken heute weitaus besser im Griff haben als während der berüchtigten „Savings-&-Loans-Krise“ in Amerika Ende der 80er-Jahre. Damals mussten über 1000 Institute Konkurs anmelden, und die US-Wirtschaft schlitterte in eine Rezession. Dennoch sollte man die Gefahren nicht unterschätzen. Die entscheidende Frage ist, ob die Krise im untersten Segment auch den weitaus größeren Rest des US-Hypothekenmarktes erfasst.

Der Vertrauensverlust der Investoren breitet sich bereits wie ein Lauffeuer aus. Gläubiger fordern ihr Geld zurück, Banken und Baufinanzierer ziehen die Kreditschrauben an. Rette sich, wer kann, heißt das Motto. Das waren in der Vergangenheit oft die Vorboten einer internationalen Finanzkrise.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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