USA
Überholte Vokabeln

Die Liste der Abtrünnigen wird immer länger. Jetzt will auch Henry Kissinger, der Doyen amerikanischer Hinterzimmerdiplomatie, nicht mehr an einen Erfolg im Irak glauben. Jener Kissinger, der noch vor gut einem Jahr schrieb, dass dort nur ein Sieg eine erfolgreiche Exit-Strategie sein könne.

George W. Bush kann damit einen weiteren engen Weggefährten aus seiner Kladde streichen: nach Richard Perle, Michael Rubin, Kenneth Adelman, nach der Entlassung von Außenminister Donald Rumsfeld und bereits vor zwei Jahren dem Ausscheiden von Paul Wolfowitz aus der Regierung. Es bleiben bis auf weiteres der Präsident und sein Vize Dick Cheney. In den US-Medien toben sich Experten darüber aus, was all dies zu bedeuten hat. Wird nur eine Schlacht verloren oder ein ganzer Krieg? Handelt es sich nur um einen Rückschlag oder den Ausverkauf einer Idee, das Ende der neokonservativen Ideologie?.

Doch jetzt, wo der Chor der Irak-Zweifler anschwillt, wehren sich die verbliebenen „Neocons“ gegen die Gleichsetzung ihrer Idee mit der Malaise an Euphrat und Tigris. Nur weil der Irak-Krieg schlecht geführt und möglicherweise sogar verloren werde, bedeute dies nicht, dass die neokonservative Ideologie diskreditiert sei, schreibt Joshua Muravchik vom American Enterprise Institute. Muravchik, der sich selbst als in der Wolle gefärbter Neocon bezeichnet, hält eisern am Grundsatz fest, dass einzig die Demokratisierung das richtig Gegengift zu der Misere in Nahost sei. Aber liest sich Muravchik so, als hätten allein die Konservativen das Copyright auf die Idee, dass die Demokratie von der Levante bis nach Iran eine gute Sache sei. Als wären alle anderen politischen Kräfte an einer Demokratisierung der Region gar nicht interessiert.

Das erinnert an den Vordenker Irving Kristol, der einen Neokonservativen einst als Liberalen definierte, der mit Blick auf die Konsequenzen seiner liberalen Politik eines Besseren belehrt worden sei. Stärke gepaart mit Idealismus sei deshalb noch immer die richtige Antwort auf die Herausforderungen dieser Welt, schreibt Muravchik. Der Irak sei dabei nur ein handwerkliches Missgeschick, in der Sache aber weiterhin richtig. Genauso, wie es richtig gewesen sei, die Ursachen für den Terror des 11. September 2001 nicht vor allem in Verarmung oder Bildungsnotstand zu sehen, sondern im Zangengriff radikaler muslimischer Ideologien. Stammten die Attentäter nicht aus wohlhabenden Häusern? Waren sie nicht sämtlich gut ausgebildet? Die Liberalen hätten die Not der Welt beweint, die Neokonservativen gehandelt.

Dabei war Neokonservatismus bei weitem nicht immer das, was man heute mit dem Begriff verbindet: missionarische Alleingänge, bei denen auf Partner und Alliierte wenig Rücksicht genommen wird. Denn immerhin gab es schon früher Neokonservative, die als solche kaum auffielen. So war Kristols Sohn Bill Ende der 80er-Jahre Stabschef von Vizepräsident Dan Quayle – und machte seinerzeit konservative, aber beileibe keine neokonservative Politik. Erst unter George W. Bush wurde der Chef des „Weekly Standard“ zum Sprachrohr der Bewegung. Gleiches gilt für Dick Cheney, der als Chef des Pentagons unter Bush senior prächtig mit Außenminister James Baker kooperierte. Jenem Baker, der gemeinsam mit dem damaligen Armeechef Colin Powell dafür sorgte, dass nach der Befreiung Kuwaits 1991 die US-Truppen nicht nach Bagdad marschierten, um den Irak zu demokratisieren. Die Beispiele zeigen, dass es „die“ Neocons gar nicht gibt, weshalb auch deren Ende gar nicht proklamiert werden kann. Allerdings gibt es Ideologen, die, ausgestattet mit einem Tunnelblick, beratungsresistent waren und sind.

Verloren hat deren Politikmix, der einst auf die Stimmen der eingewanderten Hispanics setzte, bei der Moral auf die fundamentalistischen Christen, bei der Wirtschaft auf die Mittelklasse. Diese Gruppen wanderten enttäuscht zu den Demokraten ab, alle aus völlig unterschiedlichen Gründen, die wenigsten aus Frustration über neokonservative Politik.

Es wird deshalb Zeit, den Begriff über Bord zu werfen. Zeit, sich bei der Bewertung von Regierungsarbeit darauf zu konzentrieren, ob diese gut oder schlecht ist, ob sie ihre Ziele erreicht. Wenn Wahlen und Irak-Debatte diesen Weg endlich frei machen, kann dies den USA nur nützen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%