USA
Verleugnete Realität

Die Rede von George W. Bush sen. in der deutschen Botschaft in Washington zum Tag der Deutschen Einheit war beileibe nicht sensationell. Dennoch ließen die Worte des 82-jährigen Ex-Präsidenten für einen Wimpernschlag die Zeit stillstehen.

Er rekapitulierte, was in den Wochen nach dem Mauerfall geschah und erläuterte die politischen Lehren: Er hoffe, dass künftige Generationen diese Phase als eine Zeit betrachten, in der die Menschheit richtig gehandelt habe. Man sei nicht dem Reflex der Gewalt verfallen, habe Probleme ohne den Einsatz von Waffen und mit Vernunft gelöst.

Für einen kollektiven Moment wurde da bewusst, was in den USA so sehr vermisst wird: Realitätssinn.„State of Denial“, Zustand der Verleugnung, hat Starreporter Bob Woodward sein neues Buch genannt, und kein Titel würde besser zu dem passen, was der Journalist der Washington Post beschreibt. Trifft zu, was Woodward berichtet, was im Großen kaum zu bezweifeln ist, dann hat diese US-Regierung die Darstellung der Realität seit Jahren nach ihren Vorstellungen zurechtgebogen.

Die Zahl von ignorierten und missachteten Hinweisen auf das, was sich tatsächlich rund um den Terror und Irak abspielt, scheint schier endlos. Und je mehr und drängender die Warnungen wurden, desto mehr hat sich diese Administration eingeigelt. Die Wagenburgmentalität der Regierung von George W. Bush jun. verfestigte sich, je unangenehmer die Wahrheiten wurden. Ein „Augen zu und durch“ als Leitlinie jahrelanger Regierungspolitik, getrieben von einem Mix aus Überzeugungen, Glauben und persönlichen Beweggründen.

Es ist durchaus richtig, in bestimmten historischen Momenten mehr eigenen Überzeugungen als dem Zeitgeist zu folgen. Die deutsche Wiedervereinigung wäre nicht so schnell erreicht worden, hätten die Regierenden seinerzeit zu sehr auf die Bedenkenträger gehört. Wer von seiner Sache überzeugt ist, gibt seinem Handeln einen Kurs. Es wird schmerzlich vermisst, wenn Regierenden dieser Kompass fehlt.

Doch ändert dies nichts daran, dass Politiker sich regelmäßig dem Realitätstest stellen müssen. Woodward wirft dem jetzigen, dem 43. Präsidenten der USA vor, genau dies nicht zu tun. Denn vor allem Persönliches treibt George W. Bush an: der ungeliebte Sohn eines starken Vaters zu sein und sich beweisen zu müssen; dem Glauben anzuhängen, ebenjenem, zeitweise verhassten Vater im Irak historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; und schließlich die Schmach zu tilgen, dass dieser an einem als Bohemien verachteten Bill Clinton gescheitert ist.

Psychologisch mögen diese Muster seit Sigmund Freud wohl vertraut sein. Doch für die Führung des wichtigsten Amtes der Welt sind sie schlichtweg ungeeignet, nachgerade fatal. Sie können ins Verderben führen. Und genau davon ist eine wachsende Zahl der Amerikaner überzeugt, wenn die jüngsten Umfragen tatsächlich die aktuelle Stimmung im Land abbilden. Eine Mehrheit der Amerikaner fühlt sich in die Irre geleitet, verführt, verkauft. Sie glaubt, in einen Krieg gezerrt worden zu sein, der eher aus persönlichen Rachemotiven geführt wurde denn aus Notwendigkeit. Das Ergebnis: Ein „Desaster“, zitiert Woodward Brent Scowcroft, den einstigen Sicherheitsberater des Vaters.

Die Crux ist, dass sich dieses Desaster nicht mehr einfach korrigieren lässt. Denn anders als in Vietnam existiert im Irak nicht einmal ein politischer Feind oder Gegner, der nach einem Abzug die Macht im Lande übernehmen könnte. Schon jetzt ist deshalb klar, dass das Handeln von George W. Bush noch lange über das Ende seiner Amtszeit hinauswirken wird. Für den Irak-Krieg gibt es keine annehmbare Exit-Strategie, weil eine Stabilisierung des Landes allen Beschönigungen zum Trotz nicht absehbar ist. Henry Kissingers Dauerempfehlung, der einzige Ausweg bestehe in der Vernichtung der Rebellen, ist bei Bush auf fruchtbaren Boden gefallen: Es spielt dem „State of Denial“, dem „Weiter so“, wunderbar in die Hände.

Es ist schwer zu glauben, dass die Debatte, die Woodwards Buch angestoßen hat, im Weißen Haus zu neuen Erkenntnissen führt. Doch man wünscht sich, dass sich Vater und Sohn noch einmal zusammensetzen. Und dass dann der Jüngere dem Älteren genau zuhört.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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