Vattenfall
Analyse: Der Bärendienst

Die Störfälle in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel waren objektiv betrachtet nicht wirklich gefährlich. Für den Betreiber Vattenfall Europe kommen sie aber dennoch einem GAU gleich. Das Unternehmen steht jetzt schon seit über zwei Wochen am Pranger. Und die Folgewirkungen dürften noch weit in die Zukunft reichen. Der Ablauf der Pannenserie und vor allem die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit erst nach und nach informiert wurde, haben der Glaubwürdigkeit von Vattenfall, aber auch der gesamten deutschen Atomindustrie, nachhaltig geschadet.
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Eine Gefahr für die Umwelt, also der Austritt von Radioaktivität, hat nach bisherigen Erkenntnissen in den beiden Reaktoren zwar zu keinem Zeitpunkt bestanden. Doch Vattenfall hat die öffentliche Wirkung der Störfälle gründlich unterschätzt. Wenn es auf dem Gelände eines Atomkraftwerkes – wie im Fall Krümmel ein Transformatorengebäude – brennt, ist das eben keine Bagatelle. Und das Interesse der Bevölkerung an zügiger und gründlicher Aufklärung nur allzu verständlich. Dass Vattenfall nicht so schnell als möglich alle Fakten auf den Tisch legte, ist deshalb fahrlässig. Dass das Unternehmen über eine entscheidende Tatsache, nämlich die Unregelmäßigkeiten im sensiblen Reaktor, zunächst sogar falsch informierte, ist unverzeihlich. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Öffentlichkeit jedes neue Detail, mag es nun auch tatsächlich eine Bagatelle sein, äußerst misstrauisch beäugt. Vattenfall hat zwar inzwischen reagiert, informiert zügig und umfassend über neue Erkenntnisse. Bei einem solch sensiblen Thema wie der Atomenergie, bei dem die Vorbehalte in der Öffentlichkeit ohnehin gewaltig sind, hätte der Konzern freilich erst gar nicht in die Defensive geraten dürfen. Wenn sich der Verdacht festsetzt, dass die Betreibergesellschaft taktiert und nur auf Druck mit der Wahrheit heraus rückt, ist das fatal.

Natürlich ist in der aktuellen Debatte viel Populismus im Spiel. Für die Atomgegner liefert der Fall Vattenfall jedenfalls neue Munition, um gegen die umstrittene Technik zu schießen. Und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel fühlt sich natürlich in seiner Entscheidung bestätigt, die Anträge auf eine Verlängerung der Laufzeiten für die alten Reaktoren Biblis, Neckarwestheim und eben Brunsbüttel abzulehnen. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, um auf die angebliche Anfälligkeit der alten Anlagen zu verweisen. Und die für die Reaktoraufsicht für Krümmel und Brunsbüttel zuständige Sozialministerin von Schleswig-Holstein, Gitta Trauernicht, kann bei einem populären Thema Entschlossenheit demonstrieren, droht Vattenfall gar mit dem Entzug der Betriebsgenehmigung. Damit will sich die Ministerin auch selbst aus der Schusslinie ziehen. Denn selbst als bereits eine Vielzahl von Pannen bekannt waren, betonte ihr Ministerium noch, dass an der Informationspolitik von Vattenfall nichts auszusetzen sei. Erst als die Behörde selbst in die Kritik zu geraten drohte, klang das ganz schnell ganz anders.

Sowohl das Verhalten Vatenfalls auch auch der Politk trägt natürlich nicht dazu bei, die in der Diskussion über die Zukunft der Kernenergie mitschwingenden Emotionen zu dämpfen. Und zwar umso weniger, als die Atomlobby doch stets damit argumentiert, dass deutsche Reaktoren im internationalen Vergleich über sehr hohe Sicherheitsstandards verfügen würden. Dabei konnte die Branche zuletzt deutlich punkten. Die Debatte um den Klimaschutz, die Diskussion um Versorgungssicherheit und bezahlbare Energie, haben dafür gesorgt, dass die Atomkraft auch in Deutschland wieder als langfristige Option in Betracht gezogen wird. Die Zahl derer, die den politisch beschlossenen Atomausstieg wieder rückgängig machen möchte, stieg in den vergangenen Jahren spürbar. Aber so lange es den Betreibern nicht gelingt, der breiten Masse die Angst zu nehmen, werden die Argumente, die für die Atomkraft sprechen, nicht überzeugen. Nur wenn Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Betreiber besteht, kann die umstrittene Technik in Deutschland überhaupt noch Zukunft haben. Mit seinem mangelhaftem Krisenmanagement hat Vattenfall der Branche jedenfalls einen Bärendienst erwiesen.

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