Venezuela
Gefährliches Gemisch

Hugo Chávez ist mit Sicherheit kein Freund des Weißen Hauses. Dass die Bestätigung des Linkspopulisten als Venezuelas Präsident in Washington dennoch mit Erleichterung registriert wurde, hat nur einen Grund: das Öl. Politische Unruhen beim fünftgrößten Ölexporteur der Welt will im Moment niemand riskieren. Nicht nur in Amerika, rund um den Globus liegen die Nerven angesichts eines Ölpreises von mehr als 45 Dollar pro Barrel blank. Kommt doch der neue Ölschock just zu dem Zeitpunkt, da die Weltwirtschaft ins Stottern gerät.

Ob in den USA, in Japan oder in Europa, überall hat sich das Wachstum in den letzten Monaten abgeschwächt. Die Hauptschuld für diese Entwicklung trägt eben der Ölpreis, der die Energiekosten von Verbrauchern und Unternehmen in die Höhe treibt.

Hält das hohe Preisniveau an, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es sich durch die Wirtschaft frisst und auch die Inflation nach oben treibt. Steigende Inflation und stagnierendes Wachstum sind jedoch genau das schicksalhafte Gemisch, das die Welt in den 70er-Jahren in eine Stagflation gestürzt hat.

Angesichts nach wie vor positiver Wachstumsraten scheinen wir von diesem Schreckenszenario zwar noch ein gutes Stück entfernt zu sein. Doch die jüngsten Ereignisse in Russland und im Nahen Osten zeigen, wie fragil der Ölmarkt gegenwärtig ist.

Politische Ereignisse können den Ölpreis schnell auf 50 Dollar steigen lassen. Das wäre zwar in realen Werten noch immer weit von dem Preisniveau der 70er-Jahre entfernt. Ökonomen warnen aber vor einem asymmetrischen Schock. Mit anderen Worten: Ein Anstieg von 45 auf 50 Dollar würde die Weltwirtschaft viel härter treffen als der Sprung von 35 auf 40 Dollar.

Für die Notenbanken stellt die Stagflationsgefahr ein besonderes Dilemma dar: Zur Sicherung der Preisstabilität müssten sie die Zinsen anheben. Die Wachstumsschwäche ruft dagegen nach Zinssenkungen. Dieser Zielkonflikt hat in den 70er-Jahren eine ganze Generation von Notenbankern beschäftigt. Die Erfahrungen aus dieser Zeit zeigen, dass sich die Währungshüter – allen Einflussversuchen zum Trotz – im Zweifel für die Bekämpfung der Inflation entscheiden sollten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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