Verantwortung der Wirtschaft
Wunsch und Willkür

Die Angst vor der Allmacht einer Wirtschaft, die niemandem mehr rechenschaftspflichtig ist, geht um. „Die Götter des Kapitals müssen gnädig gestimmt und ihre Gunst durch Opfer erkauft werden“, sorgte sich die „Zeit“ in der vorvergangenen Woche: „Wenn die ‚Bedingungen' nicht mehr stimmen, brechen Unternehmen die Zelte ab und ziehen ein Land weiter.“

Eine spezifisch deutsche Angst ist das nicht: Schon vor sechs Jahren schrieb sich die Französin Forrester mit dem Schauder vor dem „wirtschaftlichen Horror“ in die Bestsellerlisten. Keine Frage: Wenn der grenzüberschreitende Umsatz der 100 größten Konzerne knapp ein Drittel des Weltexports erreicht, geht Macht damit einher. Und die Verantwortung? Wie können, wie müssen sie damit umgehen? „Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ist es, ihren Gewinn zu maximieren“, schrieb Milton Friedman in den 70er- Jahren. Wer dieser Maxime heute folgen würde, sähe seinen Gewinn schnell minimiert statt maximiert. Gerät ein Unternehmen offensichtlich in Konflikt mit dem, was als seine gesellschaftliche Verantwortung angesehen wird, verliert es große Teile seiner Kunden, die in Windeseile zur Konkurrenz wechseln. Selbst kühle Anleger beginnen, von ihren Unternehmen neben einer hübschen Rendite auch „korrektes“ Verhalten zu verlangen.

Finanzieller Erfolg und verantwortungsvolle Unternehmenspolitik hängen miteinander zusammen. Das zeigen nicht nur die Beispiele, in denen eine aufgebrachte Öffentlichkeit Unternehmen wie Shell oder Nike geschadet hat. Man sieht es auch an positiven Beispielen. Otto, in den 90er-Jahren wegen Missständen bei Zulieferern in die Kritik geraten, hat Nachhaltigkeitsregeln entwickelt. Das tun viele: Sie schützen den Regenwald oder unterstützen Behinderte. Bei Otto sind Standards aber für das Kerngeschäft verbindlich.

Das Unternehmen hat die eigenen Erfahrungen gebündelt und verdient Geld damit: In Form der Tochterfirma Systain. „Wir steigern Ihre Prozess- und Kosteneffizienz, implementieren dabei Nachhaltigkeit in Ihre Organisationsprozesse – und sorgen so für Schutz und Aufbau Ihrer Reputation“, wirbt die Otto-Tochter.

Heikel ist, dass Nachhaltigkeit, soziale oder gesellschaftliche Verantwortung äußerst schillernde Begriffe sind. Ihr Inhalt wandelt sich mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen, und diese sind instabil.

Gesetzliche Normen dagegen geben nur einen groben Bezugsrahmen für Verantwortung vor. Sie schränken beispielsweise die Verfügungsgewalt eines Energieversorgers über sein Eigentum drastisch ein. Ihm wird detailliert vorgeschrieben, welche Bestimmungen er bei Atomkraftwerken respektieren muss. Zugleich schützen sie ihn vor einer willkürlichen Interpretation von gesellschaftlicher Verantwortung durch die Politik: Der Gesetzgeber kann ihn nicht enteignen oder zum Abschalten der Kernreaktoren zwingen, auch wenn die Mehrheit der Wähler das gutheißen sollte. Rot-Grün hat das beim Atomausstieg erfahren.

Doch zwischen Recht und dem, was eine Gesellschaft mehrheitlich als richtig empfindet, klafft eine Lücke. Selbst wenn er es könnte: Kein Energieversorger käme auf die Idee, ein neues Atomkraftwerk an den Rhein zu setzen. Diese Lücke, die für Unternehmen große Relevanz hat, zeigt sich auch an der Debatte über Arbeitsplätze.

Aus gutem Grund gibt es in Deutschland kein verfassungsmäßiges Recht auf Arbeit, geschweige denn eine Pflicht von Unternehmen, eine bestimmte Zahl von Arbeitsplätzen anzubieten. Dennoch geraten jene Firmen extrem in Misskredit, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, und andere werben zur besten Sendezeit damit, dass sie „ausschließlich in Deutschland“ produzieren.

Wer aber ist dafür verantwortlich, dass Unternehmen das auch können? Viele Deutsche haben sich angewöhnt, die Verantwortung dafür von Unternehmen einzufordern, als wäre es ein abrufbares Produkt. Einige Unternehmen spielen den Ball an die Politik weiter: Diese ist doch dafür verantwortlich, dass in Deutschland Arbeitsplätze entstehen!

Abseits dieser sterilen Debatte spüren immer mehr Arbeitnehmer, dass sie selbst für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze verantwortlich gemacht werden. Die Arbeiter im VW-Projekt „5 000 mal 5 000“ beispielsweise müssen ohne Mehrverdienst nacharbeiten, wenn die Qualität nicht stimmt.

Das ist nur ein Beispiel für einen Lernprozess, den nicht nur Deutschland durchmacht: Verantwortung der Wirtschaft hat viele Facetten. Eine davon ist, dass sich ihr jeder wirtschaftliche Akteur stellen muss, wenn das Ergebnis für alle befriedigend sein soll. Wer leistet in einer internationalen Wirtschaft noch Rechenschaft

über sein Wirken?

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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