Verantwortung in der Wirtschaft
In der Pflicht

Jetzt hat die Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen durch die so genannte Kapitalismuskritik von SPD-Chef Müntefering noch einmal merklich an Schärfe gewonnen. Unstrittig ist und bleibt: Eigentum verpflichtet – so steht es im Grundgesetz. Und daran gibt es auch in Zeiten von Globalisierung und wachsendem internationalem Wettbewerbsdruck nichts zu rütteln.

Der in der Öffentlichkeit erhobene Vorwurf der sozialen Kälte von Unternehmen und ihren Managern übersieht jedoch, dass viele Firmen durchaus der Eigentumsverpflichtung nachkommen und ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen – auch wenn dies (bisher) nicht so bekannt ist.

Neben ihrem primären Unternehmenszweck der Umsatz- und Gewinnerzielung sowie der Schaffung von Arbeitsplätzen zeigen sie immer stärker auch bürgerschaftliches Engagement: sei es im Bildungsbereich, in der Kultur, bei sozialen Einrichtungen oder auf anderen Feldern. Hinter den internationalen Begriffen „Corporate Citizenship“ oder „Corporate Social Responsibility“ (CSR) verbirgt sich eine Vielzahl von Engagements und Projekten, die deutlich über die Gewinnorientierung der Unternehmen hinausgehen und zum Teil auch klassische staatliche Aufgabenfelder besetzen. Denn der Staat sieht sich immer weniger in der Lage, die notwendige Unterstützung in förderungswürdigen Bereichen weiterzuführen. Seit Jahren bereits springen hier zunehmend Unternehmen und ihre Eigentümer ein.

Auch wenn das bürgerschaftliche Engagement von Firmen in Deutschland noch nicht so verbreitet scheint wie beispielsweise in angelsächsischen Ländern, wo der Sozialstaat wesentlich weniger stark ausgeprägt ist: Es gibt wesentlich mehr positive Beispiele, als der Öffentlichkeit bewusst ist. Nach einer Übersicht des Civis-Institutes der Universität St. Gallen sind ca. 95 Prozent der deutschen Unternehmen in irgendeiner Form bürgerschaftlich engagiert. Dieses Engagement ist freilich sehr unterschiedlich: Während über 90 Prozent mit Geldspenden zumindest finanzielle Beiträge leisten, sind stolze drei Viertel auch mit Gratisdiensten und immerhin über die Hälfte der Unternehmen mit freigestellten Mitarbeitern aktiv und gestatten dabei größtenteils auch die Nutzung von Betriebseigentum.

So startete der RWE-Konzern im Jahr 2004 beispielsweise das Projekt „Ich pack’ das“. Dies ist ein Projekt zur Ausbildungsvorbereitung von Jugendlichen, denen die notwendigen Grundlagen fehlen. Ziel ist, die Bildungsdefizite zu bekämpfen. Diese bürgerschaftliche Investition beträgt immerhin rund 3,5 Millionen Euro.

Knapp 20 Prozent der Unternehmen führen ihre Engagements sogar über eigene Stiftungen durch. Zwei besonders aktive sind die von Bertelsmann und von Bosch. Die Bertelsmann-Stiftung engagiert sich in eigens konzipierten Projekten für Bildung, Kultur und internationale Verständigung. Die Robert-Bosch-Stiftung fördert internationalen Nachwuchs sowie die deutsch-französischen und deutsch-amerikanischen Beziehungen. Neben sozialen Projekten zum Beispiel zur Altenpflege vergibt sie im Kulturbereich seit 1985 den Adelbert-von-Chamisso-Preis an Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft für Beiträge zur deutschen Literatur.

Im Verhältnis gesehen noch stärker als die großen Konzerne ist der Mittelstand engagiert. So fördert zum Beispiel das Pharmaunternehmen „betapharm“ in Augsburg die psychosoziale Nachsorge für kranke Kinder und ihre Familien. Die Berliner Veolia Water GmbH hat Hunderttausende Euro über eine eigens gegründete Stiftung an etliche Initiativen – von Kinderbetreuung über Kieztreffpunkte bis hin zu eigenen Ausbildungsrestaurants für Jugendliche ohne Lehrstelle – weitergegeben. Dies zeigt, dass insbesondere im lokalen und regionalen Umfeld viele Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden – dort, wo sie selbst auch ihre Wurzeln haben.

Dahinter steht, dass die Wirtschaft nur dort gedeihen kann, wo sich die Menschen entwickeln können. Natürlich ist damit auch der Wunsch der Unternehmen nach einem guten Image verbunden. So haben beide Seiten etwas davon. Und die Bedeutung dieser Unterstützung wächst. Das zeigen auch die vielen Wettbewerbe und Preise für besonderes gesellschaftliches Engagement von Firmen. Bevor man den Unternehmern also soziale Kälte und unangemessenes Gewinnstreben vorwirft, muss die Schar der Kritiker die Wirklichkeit schon etwas genauer betrachten: Gesellschaftliche Verantwortung wird in einer Vielfalt und Größenordnung praktiziert, wie sie vielen wohl nicht bekannt sein dürfte.

Der Autor ist Geschäftsführer der Prognos AG/Basel. Der Text ist Teil neun einer Serie. Alle Folgen im Internet unter www.handelsblatt.com/verantwortung.

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