Verbraucherschutz
Dick und unmündig

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Deutschland hat einen neuen Feind: die Fettleibigkeit. So sinnvoll es ist, sie zu bekämpfen – gefährlich wird die Sache, wenn nach staatlichen Vorschriften gerufen wird, wo der eigene Wille gefordert ist. Nur der hilft zu gesunder Ernährung, nicht die süße staatliche Bevormundung, die immer mehr in Mode kommt.

So setzen die Verbraucherverbände sich für eine Ampel auf Lebensmittelpackungen ein: Was zu viel Zucker, Salz und Fett enthält, muss mit Rot warnen, was unbedenklich ist, darf mit Grün locken. Bei Cola stünde die Ampel skurrilerweise auf Grün: kein Salz, kein Fett! Andere verlangen ein Verbot von Großpackungen, die viel zu verlockend seien, oder von speziell auf Kinder gemünzten Produkten. Aus Angst vor der Ampel haben einige Lebensmittel-Multis jetzt mit freiwilliger Kennzeichnung begonnen, nach dem Motto: Eine Flasche unserer braunen Brause entspricht x Prozent der empfohlenen Tagesdosis an Kohlenhydraten. Im Herbst könnte die EU neue Auflagen beschließen.

Ideen wie die Ampel als Ess-Bremse werden nicht dadurch besser, dass Länder wie Großbritannien sie anwenden, die im Allgemeinen als besonders liberal gelten. Das „traffic light labelling“ ist dort freiwillig – und auch in Großbritannien kann mangelndes Vertrauen auf Eigenverantwortung Scheinlösungen gebären, die das zu Grunde liegende Problem nicht beseitigen, schlimmstenfalls sogar peu à peu zu einer fürsorglichen Entmündigung führen.

Denn kein roter, gelber oder grüner Punkt kann dem vernunftbegabten Bürger die Verantwortung abnehmen, für seine gesunde Ernährung selber zu sorgen, vor allem aber für die seiner Kinder. Dabei ist das Wichtigste, das Wissen und den Willen zu gesunder Ernährung herauszubilden, denn nur das hilft ihnen letzten Endes. Das ist ein zäher Kampf, der jeden Tag neu geführt werden muss, wie alle Eltern wissen. Der Boom der Bio-Lebensmittel zeigt, dass er erfolgreich sein kann, ganz ohne Zwangsbeglückung. Wer dagegen die Aufgabe, gerade Kinder zu einem bewussten Umgang mit Lebensmitteln zu bringen, allen Ernstes an einen Lebensmittel-Multi abtreten will, versagt und macht sie zu fremdbestimmten Konsumzwergen.

Sicher: Nährwertangaben als Sachinformation sind nützlich. Wer aber einen Schritt weiter gehen und daraus obligatorische Warn- oder Unbedenklichkeitshinweise stricken oder gar Packungsgrößen verordnen will, ist auf dem Weg zum diätetischen Überwachungsstaat. Und für den gilt dasselbe wie für jeden übergewichtigen Staat: Er hat etwas Unterdrückerisches und kann doch das Heilsversprechen nicht einlösen, das er abgibt. Keine Ampel bewahrt die Briten davor, sich mit Fish and Chips aus der Fassung zu futtern, keine Großpackungsverbote könnten die Deutschen vor übermäßigem Genuss von Döner oder Currywürsten bewahren.

Anders als beim Rauchen hat der Staat auch deshalb hier nicht mit Ge- oder Verboten einzuschreiten, weil keine Gefährdung Dritter besteht: Es gibt Passivrauchen, aber kein Passivessen. Wenn ich zu viele Hamburger esse, gehen die Cholesterinwerte meines Tischnachbarn nicht mit in die Grütze.

Hat der Staat also gar keinen Part bei diesem Problem? Doch. Er sollte vor allem dafür sorgen, dass weniger Sportunterricht ausfällt.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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