Vereinte Nationen
Die Prügelknaben

Der Ägypter Boutros Boutros-Ghali formulierte eine „Agenda für den Frieden“. Der Ghanaer Kofi Annan heftete sein „Millennium-Projekt“ an das Reißbrett der Staatengemeinschaft: Kampf gegen Armut, Hunger, Aids, Diskriminierung. Nun will der Südkoreaner Ban Ki Moon Ehrgeiz an der Spitze der Vereinten Nationen entwickeln.

Und auch ihm dürfte es nicht schwer fallen, ein wohlklingendes, attraktives Arbeitsmotto zu finden. Doch auch der bisherige Außenminister des Landes der Morgenstille wird allzu rasch erfahren müssen, dass verbale Kreativität und gute Absichten hart an die auf unserem Globus herrschende Realität stoßen. Sowohl Boutros-Ghali als auch Annan können ihm reichlich Anschauungsmaterial liefern. Die Stichworte lauten Somalia, Ruanda, Kongo, Äthiopien, Eritrea, Sudan allein für Afrika. Und natürlich der Irak und fast die gesamte nahöstliche Nachbarschaft, nicht zu vergessen immer noch der Balkan. Unverhohlen zeigte in den vergangenen eineinhalb Dekaden die Fratze des Krieges ihr brutales Grinsen. Weder bei der Bekämpfung der Armut noch bei der weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte konnten auch nur ansatzweise befriedigende Resultate erzielt werden. Auch nicht beim Bemühen um weltweite Abrüstung. Insbesondere der Vertrag zur Nichtverbreitung von Atomwaffen droht Zug um Zug Makulatur zu werden.

Boutros-Ghali und Annan können also nur eine erschreckende friedenspolitische und humanitäre Bilanz vorweisen. Die Frage ist allerdings, inwieweit die Uno im Allgemeinen und ihre Generalsekretäre im Besonderen dafür verantwortlich gemacht werden dürfen. Denn nach wie vor, sogar mehr denn je gilt die Regel: Die Uno kann nur so effektiv arbeiten, wie es ihre Mitglieder, insbesondere die privilegierten großen fünf im Sicherheitsrat zulassen.

Dabei hatte Boutros-Ghali durchaus günstige Startbedingungen: Nach dem Überfall des Iraks auf Kuwait probte der überwiegende Teil der Völkergemeinschaft prompt und erfolgreich den Schulterschluss, um den Aggressor zur Raison zu bringen. Der damalige US-Präsident George Bush senior erkannte die Vorteile der multilateralen Aktion. Dass der ägyptische Diplomat in Washington gleichwohl in Ungnade fiel, lag eher in der Konstruktion der Uno begründet: chronisch knappe Finanzen, für die gerade der meist säumige Beitragszahler USA Schuld trägt, ein vom nationalen Proporz diktiertes und damit zwangsläufig ineffizientes und korruptionsanfälliges Personalmanagement, mangelhafte, häufig gescheiterte Blauhelmmissionen. Innere Reformen, vor allem von Washington seit Jahren angemahnt, liefen nicht von ungefähr ins Leere. Und Boutros-Ghali musste als Sündenbock herhalten.

Auch Kofi Annan konnte sich zunächst in der Gunst der Amerikaner sonnen, war er doch deren Wunschkandidat. Doch der Kosovo-Krieg, aber in allererster Linie die Folgen des 11. Septembers 2001 deckten gnadenlos die Schwächen des Uno-Systems auf. Ein zerstrittener Sicherheitsrat widersetzte sich Amerikas Antiterrorstrategie, trieb die US-Regierung in die Trotzecke. Mit nur wenigen Verbündeten und ohne Uno-Mandat blies George W. Bush zum Krieg gegen den Irak. Diese Rückkehr zum Unilateralismus ließ die Uno vollends ins Abseits rutschen. Ihr Generalsekretär wurde von Washingtons außen- und sicherheitspolitischen Protagonisten mehr als einmal gedemütigt. Die Tatsache, dass sich seine damaligen Warnungen vor einem Desaster im Zweistromland schnell bewahrheiteten, dürfte Kofi Annan kaum Trost gespendet haben. Denn die mit Bushs Irak-Krieg eröffnete Perspektive für die nahöstliche Region lässt mit Blick auf den eskalierten islamistischen Terrorismus erschaudern. Dies kann gerade Kofi Annan am allerwenigsten angekreidet werden. Wie kaum einer seiner Vorgänger übte er sich in der Kunst der Vermittlung. Aber mehr als Worte standen ihm eben nicht zur Verfügung.

Mit Ban Ki Moon tritt nun erneut ein Favorit der USA an die Spitze der Uno. Auch er gelobt, nur den Interessen der Menschen zu dienen, keine Weisungen von Regierungen oder anderen Organisationen anzunehmen, ethische Standards zu setzen. Doch an guten Vorsätzen mangelte es auch seinen Vorgängern nicht.

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