Verkrustete Gewerkschaften
Der Aufstand der Weber

Es war einmal . . . eine vorbildliche deutsche Arbeitnehmerorganisation. Ihr hoher Organisationsgrad wurde von Gewerkschaften in anderen Ländern bewundert, ihr gesamtwirtschaftliches Verantwortungsbewusstsein von Arbeitgebern im In- und Ausland geschätzt.

Das ist längst Legende. Heute zollt den Einzelgewerkschaften Verdi und IG Metall sowie ihrem Dachverband DGB niemand mehr Respekt. Mehr noch: Ihnen laufen die Mitglieder davon, ihr traditioneller Bündnispartner SPD wendet sich ab, und immer mehr Unternehmen flüchten aus jenem allzu starren Flächentarif, an dem die Gewerkschaften unbedingt festhalten wollen.

Die Schuld dafür liegt bei den Gewerkschaften selbst. Sie leisten sich Spitzenfunktionäre, die sich blind stellen für die Zeichen der Zeit. Was Bsirske, Peters und Sommer treiben, erinnert an den Weber- Aufstand. Die schlesischen Tuchmacher zerstörten 1844 Maschinen, aber die Automatisierung konnten sie nicht aufhalten. Die Gewerkschaftsführer tragen heute vielleicht zur Abwahl der rot-grünen Regierung bei, aber die Globalisierung der Wirtschaft werden sie nicht verhindern.

Arbeitnehmerorganisationen in anderen Staaten sind schon weiter. In Dänemark und Schweden beteiligen sich die Gewerkschaften bereits seit Mitte der 90er-Jahre aktiv am Um- und Abbau des Sozialstaats. Das ist ihnen keineswegs leicht gefallen. Die skandinavischen Sozialdemokraten bekamen den gewerkschaftlichen Liebesentzug zeitweise massiv zu spüren, doch mittlerweile haben die Traditionspartner wieder zusammengefunden.

Diese Konsensbereitschaft hat sich für die Skandinavier ausgezahlt. Sie haben mehr Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung bekommen. Die Erwerbslosigkeit hat zwar auch in Nordeuropa beim jüngsten Konjunkturabschwung zugenommen. Trotzdem ist die Arbeitslosenquote dort nur halb so hoch wie hier zu Lande.

Dieses Ziel muss und kann auch Deutschland erreichen. Ein gewerkschaftliches Triumvirat, das sich krampfhaft an die Vergangenheit klammert und das Rad der Reformen zurückdrehen will, schadet dabei nur. Die Devise lautet daher: Neue Gewerkschaftsführer braucht das Land!

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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