Versicherer
Neues Risikospiel

Manche Märkte entstehen quasi über Nacht und entwickeln sich explosionsartig, um dann fast wieder zusammenzubrechen. Von anderen wird zehn Jahre lang geredet, bis sich ernsthaft etwas tut. Zur ersten Sorte gehört der Markt für Kreditrisiken, zur zweiten der für Versicherungsrisiken.
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In beiden Fällen steht das Motiv dahinter, durch den Verkauf des Risikos die Bilanz zu schonen und das Eigenkapital besser zu nutzen. In beiden Fällen spielen daher auch neue Kapitalregeln eine Rolle: Bei den Banken heißen sie „Basel II“, bei den Versicherern „Solvency II“. Der Markt für Versicherungsrisiken verspricht eine spannende Entwicklung und hat über die Branche hinaus Bedeutung. Die Allianz hat unlängst bekannt gegeben, dass sie künftig mehr Risiken verkaufen und dazu auch die konzerneigene Dresdner Bank nutzen will. Die Münchener Rück hat vor einem Jahr eine eigene Abteilung für die Platzierung von Risiken eingerichtet. Andere Häuser wie Hannover Rück und Swiss Re kümmern sich schon länger aktiv um das Thema und drücken jetzt auf die Tube. Zudem hat die Fondsgesellschaft Pioneer in den USA gerade einen Fonds aufgelegt, der auch Privatleuten die Anlage in „Katastrophenbonds“ ermöglicht.

Das genaue Volumen der „Insurance linked Bonds“ ist unbekannt, zumal manche der Papiere direkt an Großinvestoren abgegeben werden. Die Swiss Re nannte neulich eine Größenordnung von knapp 30 Milliarden Dollar. Und sie erwartet, dass das Volumen in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf eine halbe Billion anwächst, ohne allzu deutliche Bremseffekte aus der aktuellen Finanzkrise. Die Papiere, die Versicherer an Investoren verkaufen, erschließen die ganze Breite der Kapitalmärkte für die Aufgabe, die weltweit wachsenden Risiken zu managen, die sich zum Beispiel aus dem Klimawandel ergeben. Daher hat der Markt der „Insurance linked Bonds“ auch politische Bedeutung. Und das in vielen Punkten: Die Versicherer möchten ihn künftig auch dazu nutzen, Privatrenten für den Fall abzusichern, dass die Lebenserwartung stärker steigt als kalkuliert. Weil in den Schwellenländern neue Ballungszentren mit großen Vermögenswerten entstehen, wird es dort künftig wesentlich höheren Bedarf an Absicherung geben. Auch dafür kann es wichtig werden, die Kapitalmärkte direkt einzuspannen.

Aus Sicht der Anleger haben die Versicherungspapiere einen eigenen Reiz: Ihre Risiken, etwa Stürme oder Fluten, sind weitgehend unabhängig von anderen Finanzmarktrisiken wie Zinsen oder Konjunktur. Ihre Grundstruktur ist meist simpel: Wenn es zu einer genau definierten Katastrophe oder zu bestimmten Schäden kommt, muss der Investor auf Erträge oder sogar Teile des Kapitals verzichten. Wenn nicht, streicht er satte Zusatzzinsen ein. Der Teufel steckt aber im Detail, also der Definition der Schäden. Die Banken zeigen den Versicherern den Charme des Risikohandels. Sie haben in den letzten Jahren Milliarden ihrer Kredite an Investoren verkauft und sich damit selbst immer Spielraum für neue Geschäfte geschaffen. Ihr Beispiel zeigt aber auch das Risiko des Risikohandels: Weil im Moment die Investoren nicht mehr kaufen wollen, bleiben die Banken plötzlich auf Krediten sitzen. Genau dasselbe kann auch mit Versicherungsrisiken passieren, etwa nach schweren Stürmen.

Seit der Sturmflut „Katrina“ vor zwei Jahren sucht die Versicherungsbranche aktiver nach neuen Wegen. Die Risiken werden zu groß, um sie alle innerhalb der Branche bewältigen zu können. Hinzu kommt der Druck, das Eigenkapital gut zu nutzen. Die Münchener Rück zum Beispiel hat aus Angst vor „aktiven Investoren“, also Hedge-Fonds, vor kurzem ein großes Aktienrückkauf-Programm angekündigt. Die alten Zeiten, wo man einfach viel Kapital bunkerte und damit jedes vorbeilaufende Risiko irgendwie schultern konnte, sind vorbei. Auf Dauer wird sich daher die ganze Branche verändern. Es kommt künftig nicht mehr allein darauf an, mit einer möglichst großen Kapitaldecke viel Geschäft an sich zu ziehen. Die Gesellschaften werden ihre Risikostruktur feiner austarieren: Was sie zu viel haben, verkaufen sie, kaufen aber dort Risiken zu, wo sie selbst wenig vertreten sind. So ist es auch besser möglich, sich operativ in Marktnischen zu spezialisieren.

Experten erwarten zudem, dass der strenge Blick der Kapitalmärkte die Prozesse innerhalb der Branche verbessert. Wer Investoren überzeugen will, muss seine Kalkulationen von externen Gutachtern beglaubigen lassen. Das hilft gegen die Versuchung, durch zu weiche Konditionen schnelle Umsätze an Land zu ziehen. Fazit: Der Handel mit Risiken führt zu einem Modernisierungsschub in der Branche. Und er verbessert die Chancen, die Risiken der Menschheit wenigstens finanziell unter Kontrolle zu halten.

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