Vodafone
Der kopflose Riese

Knapp ein Jahr ist es her, dass Vodafone mit einer Korrektur der Wachstumsprognose die Börse schockierte. Der 15. November 2005 war der Tag, an dem der Weltmarktführer im Mobilfunk in den Augen der Anleger vom Paradepferd zum lahmen Ackergaul mutierte.

Seither gelingt es Konzernchef Arun Sarin nicht, eine flottere Gangart einzuschlagen. Dafür hat er mit einer Serie überraschender Kurswechsel die Märkte verwirrt. Zuerst kam Vodafone Japan: Ende 2005 verteidigte Sarin die Tochter noch wortreich, doch im März verkaufte er sie für zwölf Milliarden Euro. Zwei Drittel davon fließen an die Anleger. Den Anspruch, weltweit vertreten zu sein, gab Sarin damit auf für die schwammige Definition eines globalen Unternehmens, das sich auf die Regionen konzentriert, in denen es stark ist.

Der nächste radikale Strategiewechsel folgte im April: Der Abschied vom reinen Mobilfunkkonzern. Ende 2005 reagierte Sarin noch erstaunt auf die Frage, welche Strategie Vodafone denn für das Zusammenwachsen von Festnetz, Internet und Mobilfunk auf Basis der IP-Technologie habe. Kein Thema dank UMTS, hieß es. Kein halbes Jahr später klang das ganz anders. Sarin kündigte an, dass Vodafone in den Festnetz-Telefonmarkt einsteigen und mit Hochdruck an Konvergenzprodukten arbeiten werde. Ein eigener Vorstand, Thomas Geitner, werde Innovationen in diesem Bereich vorantreiben. Seit dem vergangenen Freitag gilt auch das nicht mehr: Geitner geht zum Jahresende. In Zukunft kümmern sich die Landesgesellschaften selber um Konvergenzprodukte.

Mindestens ebenso wie von strategischen Kehrtwenden war das Jahr von personellen Wechseln geprägt. Nach einem schmutzigen Machtkampf nahm die gesamte alte Garde ihren Hut. Der Gründervater des Vodafone-Imperiums, Christopher Gent, trat als Ehrenpräsident ab und praktisch alle alten Mitstreiter im Board mit ihm. Nun hatte Sarin freie Hand, doch keine glückliche. Sein Getreuer Bill Morrow sprang nur wenige Wochen nach Ernennung zum Europachef wieder ab. Dafür setzte ihm der neue Chairman John Bond den ehrgeizigen Italiener Vittorio Colao als Europachef und Vize-CEO in den Nacken.

Nach einem äußerst turbulenten knappen Jahr bietet Vodafone somit das Bild eines kopflosen Riesen. Positiv ist, dass Sarin unter dem Druck der Märkte einige unbequeme Wahrheiten ans Tageslicht gebracht hat. Der Anspruch der Weltherrschaft ist passé. Die Abschiede aus Japan, Schweden und Belgien untermauern das. Zugleich hat Vodafone eingestanden, dass die Zeiten rasanten Wachstums auf den Kernmärkten ein für alle Mal vorüber sind. Die Wertberichtigung um sagenhafte 34 Milliarden Euro auf die Töchter in Deutschland und Italien machte das klar.

Die Realität hat damit schonungslos auf dem Planeten Newbury, wie die Branche die Campus-ähnliche Zentrale in der südenglischen Provinz nennt, Einzug gehalten. Doch Sarin hat den Mitarbeitern und Aktionären bisher keinen überzeugenden Weg in die Zukunft gewiesen. Die Grenzen des Vodafone-Reichs sind heute recht beliebig, und die Konvergenzstrategie ist defensiv und halbherzig. Damit kein Zweifel aufkommt: Vodafone ist immer noch ein gesundes Unternehmen, das höchst ansehnliche Renditen einfährt. Doch diese Renditen sind bedroht, weil wichtige Märkte gesättigt sind und der Preiswettbewerb härter wird. Darum muss Sarin jetzt vor allem Wachstum liefern.

Um zu analysieren, woher dieses Wachstum kommen kann, muss man Vodafone in zwei Unternehmen aufspalten: Da ist zum einen der etablierte Mobilfunknetzbetreiber auf den reifen Märkten Europas. Kundenzuwachs gibt es hier fast nur noch auf Kosten von Konkurrenten – was Druck auf die Margen ausübt. Mit Bündelprodukten aus Festnetz, Mobilfunk, Internet und Unterhaltungsangeboten drohen Konkurrenten wie die Deutsche Telekom Vodafone Kunden abzujagen. Die Konvergenzstrategie soll dem entgegenwirken – doch Vodafone hat außer in Deutschland keine eigene Festnetz-Kompetenz. Der andere Teil von Vodafone sind die Aktivitäten auf Wachstumsmärkten, in Osteuropa, der Türkei oder Indien. Hier muss Vodafone stärker werden, um unter der nächsten Milliarde Mobilfunkkunden eine halbwegs vergleichbare Position einzunehmen wie in der ersten.

Es steht jedoch zu befürchten, dass Sarin weiterhin eher taktiert, als eine neue Strategie zu formulieren. Wenn die Kritik unter den Aktionären wieder lauter wird, hat er noch einen Trumpf in der Hand: den Verkauf der 45-prozentigen Beteiligung an der US-Mobilfunkfirma Verizon Wireless. Sie könnte bis zu 40 Milliarden Euro einbringen und es ihm erlauben, seinen Kritikern einmal mehr mit Geld den Mund zu stopfen. Doch Vodafone ohne Verizon Wireless ist ein Übernahmekandidat – die Summe der einzelnen Landesgesellschaften ist schon heute mehr wert als der Konzern als Ganzes.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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