Volkswagen
Klare Verhältnisse

Skandale, Intrigen, Machtspiele: In den vergangenen zwei Jahren hat sich immer stärker der Eindruck aufgedrängt, dass der VW-Konzern weniger mit dem Bau und dem Verkauf von Automobilen als mit sich selbst beschäftigt ist.

Im Aufsichtsrat lieferten sich der ehemalige Vorstandschef und Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ein Scharmützel nach dem anderen, versuchten Kohorten hinter sich zu bringen und die Reihen zu schließen. CDU-Politiker Wulff unterstützte den scheidenden Konzernchef Bernd Pischetsrieder nicht ganz ohne politische Interessen bei der öffentlichen Aufarbeitung der VW-Affäre. Schließlich stammten die Beschuldigten wie Peter Hartz oder der Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert aus dem Lager des politischen Gegners. Gleichzeitig konnte Wulff damit seinen Dauerkontrahenten Piëch treffen, zu dessen Vertrauten die Beschuldigten gehörten.

Im Gegenzug setzte Piëch mit Unterstützung der Gewerkschaft gegen den Willen von Pischetsrieder und Wulff Horst Neumann als Hartz-Nachfolger auf den Stuhl des Personalchefs. Sogar nach dem Einstieg von Porsche versuchte Wulff noch einmal, Piëchs Macht zu beschränken, indem er ihn mit Hilfe eines Gutachtens wegen drohender Interessenkollision aus dem VW-Aufsichtsrat drängen wollte. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt die Würfel längst gefallen. Piëch hat den Machtkampf bei VW eindeutig für sich entschieden. Porsche hat mit mittlerweile 27,4 Prozent der Stimmrechte in Wolfsburg das Sagen, das Land muss sich mit seinen 20,8 Prozent mit der Rolle des Juniorpartners zufrieden geben.

Dies gilt auch unabhängig davon, ob die EU das so genannte VW-Gesetz wie erwartet im kommenden Jahr kippt. Das Gesetz beschränkt zwar die Stimmrechte eines Einzelaktionärs in der Hauptversammlung auf 20 Prozent, doch gegen Porsche geht auch jetzt schon nichts mehr, spätestens seit sich die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat auf die Seite Piëchs geschlagen haben. Bei VW herrschen längst klare Machtverhältnisse. Und Wulff weiß nur zu genau, dass er die Schlacht verloren hat. Dazu bedurfte es nicht erst der Ablösung von Pischetsrieder durch Martin Winterkorn an der Konzernspitze. Diese Entscheidung auf Betreiben Piëchs hat die Machtverschiebung lediglich zementiert.

Jegliche Versuche Wulffs, mit Hilfe anderer Großaktionäre ein Gegengewicht zu Piëch/Porsche aufzubauen, wären also von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mehr noch: Da heute bei VW außer dem Land Niedersachsen und Porsche nur Fonds noch größere Aktienpakete halten, müsste Wulff mit Managern paktieren, deren Interessen mit den seinen kaum in Deckung zu bringen sind. Für einen Landespolitiker steht die Sicherung der Beschäftigung im Vordergrund, Fonds sind einzig an Wertsteigerungen interessiert. Garant dafür ist aber Porsche viel eher als Wulff. Was sollte also einen Fondsmanager motivieren, mit einem Politiker gegen den größten Aktionär zu agieren? Absolut nichts! Immer neue Gerüchte, dass Wulff genau dies versuche, sind wenig schlüssig.

Völlig machtlos in dem Spiel mit oder ohne VW-Gesetz ist das Land nämlich auch ohne Partner nicht. In den letzten Jahren lag die Präsenz des stimmberechtigten Kapitals auf VW-Hauptversammlungen selten über 40 Prozent. Das bedeutet, dass die große Zahl der freien Aktionäre dem Treffen fernblieb. Durch die Präsenz des neuen Großaktionärs Porsche könnte sich die Quote künftig zwar zwischen 50 und 60 Prozent bewegen. Doch erst jenseits von gut 80 Prozent würde das Land weniger als ein Viertel der Stimmrechte aufbringen und damit seine Sperrminorität verlieren.

Wulff hat also weiterhin ein kleines Druckmittel. Er ist aber gut beraten, davon keinen Gebrauch zu machen, auch wenn er daran schwer zu schlucken hat. Wenn sich beispielsweise Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nicht mehr an Absprachen mit Wulff vom Jahresanfang gebunden fühlt, VW-Aufsichtsratschef Piëch 2007 durch einen neutralen Chefkontrolleur zu ersetzen, bleibt Wulff wenig mehr, als das zähneknirschend zu akzeptieren. Für die niedersächsische Regierung – vorausgesetzt, sie hält an ihrem VW-Anteil fest – bleibt nur ein Weg: gemeinsam mit Porsche an einem Strang zu ziehen. Denn ein Unternehmen, bei dem Teile des Managements und des Aufsichtsrats ihre Energie auf Nebenkriegsschauplätzen verschwenden, verliert Schlagkraft und Glaubwürdigkeit. Und in der Konsequenz irgendwann auch Arbeitsplätze. Strebt Porsche keine Mehrheitsübernahme an, gibt es auch für die Machtmenschen Wiedeking und Piëch keine sinnvolle Alternative dazu, sich mit einem Juniorpartner zu arrangieren.

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