Volkswagen
Trippelschritte

Tarifverhandlungen kennen in der Regel nur Gewinner. Zumindest präsentieren sich Arbeitgeber und Gewerkschaften nach einem Abschluss als solche. Bei Volkswagen ist das im aktuellen Fall allerdings anders: Nach dem Ende der Gespräche in der vergangenen Woche gibt es auf beiden Seiten nur Verlierer.

Das gilt auf jeden Fall für den VW-Vorstand. Denn das erklärte Ziel der Wiedereinführung der 35-Stunden-Woche wurde nicht erreicht. Sowohl in der Produktion als auch in der Verwaltung wird zwar länger, aber weiterhin unterhalb dieser Frist gearbeitet. VW hatte auch verlangt, dass es trotz der Verlängerung der Arbeitszeit keine Lohnerhöhungen geben dürfe. Auf dem Papier wird diese Forderung zwar erfüllt. Doch über eine neue Ergebnisbeteiligung und zusätzliche Zahlungen in die betriebliche Altersversorgung kommen doch wieder Belastungen auf das Unternehmen zu, mögen es pro forma auch keine unmittelbaren Lohnkosten sein.

Der größte Verlierer im Konzernvorstand ist damit VW-Markenchef Wolfgang Bernhard. Dieser hatte im Vorfeld der Verhandlungen immer wieder gebetsmühlenartig verlangt, dass die alte Vier-Tage-Woche mit 28,8 Stunden Arbeitszeit komplett verschwinden müsse – und zwar ohne zusätzliche Belastungen für das Unternehmen. Bernhard muss sich Vorstandskollegen geschlagen geben, die gegenüber der Gewerkschaft einen kompromissbereiteren Kurs einschlagen wollten, allen voran Personalvorstand Horst Neumann. Nach dem Verhandlungsergebnis ist jetzt auch klar, dass Konzernchef Bernd Pischetsrieder eher zu Neumann hält als zu Bernhard.

Gewerkschaft und Betriebsrat mögen sich nach den Verhandlungen nun als Sieger feiern lassen. Doch sie sollten nicht allzu laut jubeln. Mit dem eigenen Haustarifvertrag liegen die Lohnkosten bei VW im Durchschnitt um etwa zwanzig Prozent über dem gängigen Flächentarifvertrag der Metallbranche. Nach ersten Schätzungen bringen die aktuellen Änderungen Volkswagen aber eine Entlastung von etwa 15 Prozent. Bei VW liegen die Arbeitskosten demnach immer noch deutlich über jenen des Restes der Metallbranche.

Viel entscheidender ist aber der Vergleich mit den wichtigsten Konkurrenten der Automobilindustrie. VW räumt selbst ein, dass der Wolfsburger Konzern mit den jetzt beschlossenen Änderungen ungefähr das Kostenniveau der Konzerntochter Audi erreicht. Das ist jedoch alles andere als eine Entwarnung. Audi baut Premiumautos, die eine klar höhere Rendite abwerfen als die Produkte von Volkswagen. Und nur wer mehr verdient, kann seinen Beschäftigten auf Dauer auch einen höheren Lohn bezahlen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Das Lohnniveau bei Volkswagen ist immer noch zu hoch. Der Wolfsburger Autokonzern sollte sich zudem eher mit direkten Wettbewerbern wie Toyota, Peugeot oder Opel vergleichen und nicht mit Audi. Und daran wird noch einmal deutlich, dass der VW-Konzern in seinen Werken auch künftig noch viel zu teuer produziert.

Die IG Metall muss sich also fragen lassen, ob sie den VW-Beschäftigten mit dem jetzigen Verhandlungsergebnis nicht einen Bärendienst erwiesen hat. Da Volkswagen auf lange Sicht immer noch nicht konkurrenzfähig ist, bringt die IG Metall ihre Mitglieder, also die VW-Beschäftigten, auf die Verliererstraße. Denn die Existenz des Unternehmens samt Arbeitsplätzen ist noch nicht gesichert wird.

Das ist auch dem Vorstand bewusst: Nach der Einigung sagte die VW-Führung, dass die Rückkehr zur 35-Stunden-Woche erklärtes Ziel bleiben müsse. Diese Äußerung ist ein ziemlich klares Eingeständnis dessen, dass der Konzern mit der IG Metall letztlich nur einen faulen Kompromiss gefunden hat. Die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns ist noch immer nicht erreicht, das jetzt gefundene Ergebnis eine typisch „Wolfsburger Lösung“. Die Konzernführung hat Angst vor einer größeren Konfrontation mit Gewerkschaft und Betriebsrat und verliert deshalb den Blick für einen dauerhaften Ansatz.

Somit zeichnet sich jetzt schon ab, was in naher Zukunft passieren wird: Das aktuelle Verhandlungsergebnis wird allenfalls in den nächsten zwei bis drei Jahren für Ruhe sorgen. Danach wird die Konzernleitung von der VW-Belegschaft erneut Zugeständnisse fordern müssen. Dann wird es aber vielleicht nicht mehr um die Einführung der 35-Stunden-Woche gehen, sondern gleich um eine Arbeitszeit von 40 Stunden.

Volkswagen lebt weiterhin in seiner Scheinwelt: So, als könne sich das Wolfsburger Unternehmen ohne Schwierigkeiten von den scharfen Marktbedingungen in der Autobranche abkoppeln. Das könnte sich eines Tages noch bitter rächen.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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