Von „Kohls Mädchen“ an die Spitze
Die Ehrgeizmaschine

Was Angela Merkel mit der einstigen Eisernen Lady Margaret Thatcher verbindet, sind starke Nerven. Trotz enttäuschendem Wahlergebnis beharrt die CDU-Chefin kompromisslos auf ihrem Machtanspruch.

Das Siegerlächeln von den Wahlplakaten wirkt nicht einmal aufgesetzt, als sie, die eigentlich den Absturz der Union in der Wählergunst verantworten muss, ihren Anspruch auf die Macht verkündet. Vom "klaren Regierungsauftrag" für die Union spricht sie mit fester Stimme, und dass sie die Verhandlungen darüber in Kürze beginnen werde. Sie, die vor der Wahl eine große Koalition strikt ablehnte, kündigt jetzt Gespräche auch mit der SPD an. Als Vorsitzende der stärksten Kraft habe sie den Auftrag zur Regierungsbildung, "diesen Auftrag hat Gerhard Schröder nicht". Keine Spur von hängenden Mundwinkeln: Das Ende von Rot-Grün, so deutet sie das Ergebnis dieses Abends um, ist ihr Erfolg. Schließlich war es ja auch Angela Merkel ganz alleine, die nach der Spendenaffäre für die CDU die Macht erst wieder in den Bereich des Möglichen zurückgeholt hat. Keiner sonst.

Schwerer noch als ihre Partei jedoch tun sich die Wähler, Merkel als Kanzlerin zu akzeptieren. Wie auch Großbritannien Thatcher zuerst nur erlitt, dann aber als notwendiges Übel hinnahm, werden die Deutschen ihre Zeit brauchen, ihren Frieden mit Merkel zu schließen. Im Gegensatz zu Thatcher ist Merkel indes keine Gesinnungstäterin. Wollte die "Eiserne Lady" die Welt nach ihrem Willen und ihrer Vorstellung bezwingen, so schaffte sie dies nur auf Grund der eingeschworenen Gefolgschaft der Tories. Merkel aber wird nach dem Stimmenverlust die Union erst neu überzeugen müssen, dass gerade sie unter den schweren Bedingungen der großen Koalition die Richtige ist, den Sozialstaat neu zu formieren.

Merkel schaut oft auf Katharina die Große. Dort, wo andere ein Bild des Ehemanns oder der Kinder auf dem Schreibtisch platzieren, thront das Porträt der deutschstämmigen russischen Zarin aus dem 18. Jahrhundert. Das Vorbild der deutschen Kanzlerin: Katharina die Große?

Wohl weniger als männerverschlingendes Wesen, das in die Domäne der Parteigranden eingebrochen ist. Katharina die Große macht Eindruck auf Merkel, weil sie eine entschiedene Reformerin im Zuge der Aufklärung war. Desgleichen hatte sie eine schier unstillbare Lernbegierde im Zeitalter der aufgeklärten und unaufgeklärten Monarchen. Doch die gesuchte Wahlverwandtschaft geht darüber hinaus. Während die Deutsch-Russin ihren Geist durch eine lange (Brief-)Freundschaft zu Voltaire illuminierte, folgte die Deutsch-Deutsche vergangenes Jahr dem Geist ihrer Zeit und ließ sich zu ihrem 50. Geburtstag von einem Gehirnforscher das kalte Ständchen halten. Was das wohl aus einem macht?

So viel analytisches Faible lässt die männlichen Rivalen in der CDU bei der Einschätzung der Fremden zur Hilfskonstruktion greifen: zum Bild der logisch exakten Physikerin. Mit der Hypothese, hier stamme ein Mensch, eine Frau quasi aus dem Reich der Berechenbarkeit ab, suggerieren sie sich und anderen, warum Merkel ihnen so überlegen ist: wegen kalter Lust der Berechnung. Schnell ist dabei indes vergessen, dass die kühle Norddeutsche viel früher schon, in der Schulzeit, durch ihr präzises logisches Denken, ihre auffällige Lernbegierde, aber auch durch die kalkulierte politische Zurückhaltung auffiel. Merkel, die Einser-Abiturientin in Templin, vereinte früh die Kraft der abgeklärten Ambition mit der exakten Witterung für das politisch Opportune. Das hat sich seither keineswegs geändert.

Dem Säurebad der Sozialisation im Arbeiter- und Bauernstaat entstiegen, fordert sie 16 Jahre danach noch immer nüchtern, bedächtig von sich selbst: Vom Ende her denken, und sei es nach einem schlechten Wahlergebnis. In ihrem Leben hat Ende - siehe DDR - demokratischer Aufbruch bedeutet. Das Ende des Kohl-Patriarchats läutete den Anfang ihres zweiten Aufstiegs ein. Als 1999 die CDU am Ende schien, stieg Merkel am Firmament der Partei erst richtig strahlend auf. Für Merkel bedeutet Ende immer wieder nur eines: Anfang.

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