
"Everest" lautet der Codename für das Vorhaben, das die Rohstoffriesen Glencore und Xstrata seit gut zwei Monaten im Stillen geplant und gestern offiziell gemacht haben: ihre Fusion zu einem noch deutlich gewichtigeren Konzern.
Sie hätten sich keinen passenderen Namen aussuchen können. Nirgendwo ist man dem Himmel so nah wie auf dem höchsten Gipfel der Erde. Und schon lange gab es keine Fusion, die so sehr wie diese das Zeug hat, auch dauerhaft als Hochzeit im Himmel in die Geschichtsbücher einzugehen. Der Zusammenschluss ist das Beste, was den Unternehmen und ihren Investoren passieren kann. Für ihre Kunden sind das dagegen schlechte Nachrichten.
Glencore ist der weltweit größte Rohstoffhändler, und Xstrata gehört, gemessen am Börsenwert, Umsatz und Gewinn, bereits zu den führenden globalen Rohstoffförderern. Die größten Konkurrenten BHP Billiton und Rio Tinto wird auch der fusionierte Konzern nicht vom Thron stoßen. Doch durch den Zusammenschluss entsteht etwas, was es in dieser Form in der Branche noch nicht gibt: Das neue Unternehmen deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab.
Es kontrolliert nicht nur den Abbau von Rohstoffen, sondern deckt auch Handel, Transport und Lagerung in einem Maße ab wie kein anderer Konkurrent. Es wäre der erste komplett vertikal integrierte Anbieter, wie es im Fachjargon heißt, wenn Glencore und Xstrata ihre Pläne jetzt bis zum Ende durchziehen. Und das beschert dem fusionierten Konzern mehr Marktmacht gegenüber den Kunden - bei Preisverhandlungen und beim Festlegen der Lieferbedingungen. Zudem verschieben sich die Gewichte gegenüber den Regierungen vieler Schwellenländer, wo die Rohstoffe gefördert werden, weiter zugunsten des Unternehmens.
Xstrata ist heute schon führend bei der Produktion von Kokskohle, Kupfer, Zink und Nickel. Glencore hat zwar auch eigene Minen, um Metalle zu fördern, und Farmen, um Mais, Zucker und Baumwolle anzubauen. Doch den wesentlichen Teil des Geschäfts machen Handel und Transport. Vom globalen Ölverbrauch etwa gehen drei Prozent über die Glencore-Vertriebskanäle.
Marc Rich wurde 1934 als Marcell David Reich in Antwerpen geboren. 1974 gründete Rich im schweizerischen Zug seine Firma „Rich & Co.“, aus der später der Rohstoffriese Glencore hervorgeht. Das Rohstoffunternehmen konzentriert sich zunächst auf den Handel mit Eisen, Nicht-Eisen-Metallen und Erdöl.
Im Jahr 1983 wurde Marc Rich in den USA wegen Steuerhinterziehung, Falschaussage und Handel mit dem Iran angeklagt. Zu einem Prozess kam es allerdings nicht, weil Rich bereits vor der Anklageerhebung auf seine amerikanische Staatsbürgerschaft verzichtete und sich in Spanien einbürgern ließ.
Indem Rich - trotz eines internationalen Embargos - das südafrikanische Apartheid-Regime zwischen 1979 und 1993 mit mehr als 400 Milliarden Barrel Öl belieferte, hielt er es an der Macht. Der Profit für Richs Firmen wird auf zwei Milliarden Dollar geschätzt.
Mit der Zeit war Rich als Firmenchef untragbar geworden. Er stand unter anderem jahrelang auf der Liste der „Most Wanted“ des FBI. 1993 verkaufte Rich den Großteil der Firma an seine Manager und wurde damit indirekt aus dem Unternehmen gedrängt.
1994 wurde die Firma vom neuen Management umbenannt. Seit dem firmiert der Rohstoffhändler unter dem Namen Glencore (Global Energy Commodity and Resources).
Bereits 1982 war das Unternehmen in die Agrarwirtschaft eingestiegen. Nach und nach wurden die Geschäftsfelder durch Akquisitionen in Produktion, Verarbeitung und Handel mit Aluminium, Aluminiomoxid, Bauxit, Eisenlegierungen, Nickel, Zink, Kupfer, Blei, Kohle, Öl und Agrarprodukten ausgeweitet.
Seit dem Ausscheiden von Marc Rich befand sich das Unternehmen im Besitz des Managements. Die zwölf Personen der obersten Führungsetage waren zugleich die größten Anteilseigner.
Im Mai 2011 fand der IPO von Glencore statt. Der Börsengang in London und Hongkong brachte dem Unternehmen bis zu zwölf Milliarden Dollar ein. Damit war der IPO der größte Börsengang des Jahres 2011 sowie der größte Börsengang der London Stock Exchange aller Zeiten.
Glencore hält unter anderem Anteile an dem australischen Bergbaukonzern Minara Resources (Nickel) und Century Aluminium aus den USA. Auch an Xstrata hielt Glencore jahrelang 34,5 Prozent. Seit 2007 ist Glencore auch mit dem russischen Aluminium-Konzern Rusal verwoben.
Glencore und Xstrata sind Schwergewichte, wie es sonst nur wenige Unternehmen gibt. Doch kombiniert man beide Konzerne und liegen Herstellung, Vermarktung und Transport in einer Hand, hat das fusionierte Unternehmen eine Reihe von Vorteilen: Es kann so gut wie kein anderer Konkurrent regionale Preisdifferenzen zu seinem Vorteil ausnutzen, die Produktionskapazitäten stärker an Nachfrageschübe und Lieferengpässe anpassen und den Zeitplan für das Verschiffen der Rohstoffe optimieren. Vorsprung durch eine enorme Fülle an Informationen ist dann die uneinholbare Stärke des Konzerns.
Mit den klassischen Instrumenten der Wettbewerbspolitik ist dieser Vorteil nicht zu greifen. Die Kartellbehörden haben keine Handhabe dagegen und werden die Fusion daher wohl auch durchwinken. Denn Glencore/Xstrata werden voraussichtlich nicht gewisse Marktanteilsgrenzen überschreiten, die als problematisch gelten.
Gemeinsam haben die Unternehmen auch die Finanzkraft, noch größer zu werden - auf die Kunden, die auf die Rohstoffe angewiesen sind, kommen unangenehme Zeiten zu.
Die Autorin ist Korrespondentin in London.