Währungen
Die Chancen des starken Euros

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In den letzten zwölf Monaten ist der Eurokurs von 1,27 Dollar auf über 1,41 Dollar nach oben geschossen. Im gleichen Zeitraum ist der Aktienkurs der größten dreißig deutschen Unternehmen im Durchschnitt um 32 Prozent gestiegen. Wie kann das sein? Können sich die Perspektiven der so stark vom Export abhängigen deutschen Wirtschaft so verbessern, wenn europäische Waren im Ausland über zehn Prozent teurer werden?

Zumal in den USA eine Rezession droht. Die US-Notenbank sieht das auch so, sonst hätte sie nicht ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt gesenkt und würde nicht zulassen, dass am Finanzmarkt nur noch über das Wann einer weiteren Senkung debattiert wird. Außerdem hat die Vergangenheit gezeigt: Wenn eine Blase am Immobilienmarkt platzt, so geht das selten ohne Rezession ab. Die Prognosen gehen zwar nur von einer Wachstumsabschwächung in den USA auf rund zwei Prozent aus, aber die Prognostiker haben noch nie mehrheitlich eine veritable Rezession rechtzeitig vorausgesagt.

Auf den ersten Blick wirkt der starke Euro also bedrohlich, als Signal eines neuen wirtschaftlichen Ungleichgewichts. Aber auf den zweiten Blick fallen eher die Chancen ins Auge – und der schwache Dollar wirkt als Zeichen dafür, dass Ungleichgewichte abschmelzen.

Denn US–Notenbankchef Ben Bernanke hat gezeigt, dass er sich nicht scheut, die Zinsen so weit zu senken und den Dollar so weit nach unten zu prügeln, dass die Wirtschaft schnell auf den Wachstumspfad zurückfinden kann. In den letzten zwei Jahrzehnten ist der Notenbank das immer wieder gut geglückt. Wenn es keinen unerwarteten Inflationsschub geben sollte, dürfte es auch diesmal klappen.

Europa kann nichts daran ändern, dass die USA einen schwächeren Dollar brauchen und sich ihn verschaffen. Europa kann das auch gar nicht ändern wollen, denn ohne einen schwächeren Dollar könnten die USA nur zum Preis einer tiefen Rezession von ihrem auf Dauer nicht tragfähigen Außenhandelsdefizit herunterkommen.

Wenn Europa richtig reagiert, ist der schwächere Dollar – wie der Aktienmarkt zu ahnen scheint – keine Belastung, sondern eine Chance. Eine stärkere Währung macht uns reicher. Wir können uns für unsere Euros im Ausland mehr kaufen. Das macht auch die stark gestiegenen Rohstoff- und Ölpreise erträglich. Auf der anderen Seite hemmt ein starker Euro natürlich den Export. Aber man darf nicht vergessen, dass China und Indien sehr stark wachsen, dass Russland und der mittlere Osten in Öleinnahmen schwimmen, die sie zu einem wachsenden Anteil in Europa ausgeben, und dass die Staaten in Mittelosteuropa gute Kunden bleiben dürften.

Wenn der Eurokurs weiter so steigt wie in den letzten Wochen, wird das zwar irgendwann nicht mehr reichen, um den Export in Gang zu halten. Aber die Europäische Zentralbank hat es in der Hand, dafür zu sorgen, dass nicht weiterhin einseitig der Euro den Gegenpart zur Dollarschwäche übernimmt. Wenn der Euro so stark wird, dass er merklich die Inflation drückt und das Wachstum bremst, hat sie Spielraum, die Zinsen zu senken und die Euro-Stärke abzufedern. Niedrigere Zinsen würden die Binnenwirtschaft stärken, die bisher die Achillesferse des Aufschwungs war. Fazit also: Der starke Euro sollte uns keine Angst machen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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