Währungen
Geschickte Geldpolitik

  • 0

Was gestern noch eine Horrorvision war, ist heute schon fast Realität – und nichts passiert. In den letzten Jahren hat es nicht an Warnungen vor schlimmen Konsequenzen der weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte gefehlt. Damit war vor allem gemeint, dass die USA doppelt so viel importierten, wie sie exportierten. Dadurch verschuldeten sie sich jedes Jahr stärker im Ausland. Ein Zustand, der auf Dauer nicht tragbar sei. Der Dollar müsse massiv abwerten, bis auf Kurse von 1,50 Dollar je Euro oder mehr, warnten Wissenschaftler und Bankvolkswirte. Notenbanker wurden nicht müde, vor den gefährlichen Folgen eines Dollar-Verfalls zu warnen.

Man muss sich an diese Horrorversionen erinnern, um zu ermessen, was es heißt, dass wir die 1,50 Dollar je Euro fast erreicht haben und nur wenig passiert ist. Die Aktienmärkte stecken den DollarVerfall fast unbeeindruckt weg. Die Kapitalmarktzinsen, auch die amerikanischen, fallen eher, als dass sie steigen. Die Inflation reckt zwar ihr Haupt wieder ein bisschen und zeigt, dass sie nicht tot ist, aber als ernste Gefahr begreifen sie bisher nur wenige. Der Internationale Währungsfonds hat zwar seine Wachstumsprognose für die Welt gesenkt, aber mit nahe fünf Prozent erwartet er im nächsten Jahr immer noch kräftiges Wachstum.

Wer vor zwei Jahren, als der Euro noch bei 1,17 Dollar stand, prophezeit hätte, dass der Dollar so stark an Wert verliert und so wenig passiert, wäre vermutlich nicht ernst genommen worden. Die Währungsverantwortlichen der Welt – die US-Notenbank, die den geräuschlosen Abstieg des Dollars inszenierte, die chinesischen Währungsverantwortlichen, die es schafften, ihre Währung ohne Turbulenzen aus der Dollar-Bindung zu lösen, und die Europäische Zentralbank, die sich vom starken Euro nicht irremachen ließ – haben die erste Etappe auf dem Weg zu solideren Finanz- und Handelsströmen ohne größere Unfälle hinter sich gebracht.

Weitere schwere Etappen stehen bevor. Der Dollar muss wieder aufgefangen werden, damit er nicht in den freien Fall übergeht, weil jeder versucht, sich zu retten, bevor es zu spät ist. Das kann dann schwierig werden, wenn die von einer schweren Immobilienkrise gefährdete US-Konjunktur einen ernsten Schwächeanfall erleidet, der die Notenbank zu weiteren Zinssenkungen zwingt. Sollte es dazu kommen, würde die internationale Koordination der Währungspolitik, die hinter den Kulissen gut zu funktionieren scheint, wichtiger denn je. Kein europäischer Notenbanker, ja nicht einmal die europäischen Regierungsmitglieder haben sich in letzter Zeit öffentlich über den starken Euro und den schwachen Dollar beschwert. Das zeugt von bemerkenswerter Disziplin und Koordination. Dass an einem schwächeren Dollar kein Weg vorbeigeht und dass Europa diesen im Moment besser denn je verkraften kann, scheint Konsens zu sein.

Das Pulver ist so trocken geblieben. Wenn das Ausmaß der Dollar-Abwertung kritische Züge annehmen sollte, stehen alle Instrumente zur Verfügung: von Warnungen an die Finanzmärkte vor zu einseitiger Spekulation über Leitzinssenkungen in Europa bis zu Interventionen als letzter Verteidigungslinie. Es besteht also Grund zu der Hoffnung, dass es auch weiter gutgehen wird.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Währungen: Geschickte Geldpolitik"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%