Währungsunion in der Krise
Die verzerrte Sicht auf Europa

Die anhaltende Krise in Europa sorgt für Frust in Amerika und auch beim IWF. Europa habe sich mit der Währungsunion übernommen, lauten die Vorwürfe. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: Dieses Bild ist verzerrt.
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Wenn die Europäer dieser Tage in den Spiegel der weltweiten Meinung schauen, sehen sie ein wenig schmeichelhaftes Bild. Vor allem von den USA aus betrachtet ist Europa ein Kontinent, der sich mit dem ehrgeizigen Projekt einer Währungsunion verhoben hat und jetzt nicht mehr die Kraft aufbringt, die Fehler der Vergangenheit entschlossen zu korrigieren. Die Zeiten, in denen die europäische Integration das leuchtende Vorbild für regionale Kooperationsbewegungen von Amerika über Afrika bis Fernost war, sind offenbar vorbei.

Gerade von der anderen Seite des Atlantiks betrachtet, sieht Europa immer hässlicher aus. Die US-Regierung hat schon wiederholt ihrer Frustration über die mühsamen Rettungsbemühungen für den Euro Luft gemacht. In dieser Woche haben auch die beiden mächtigen Weltfinanzorganisationen aus Washington, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, harsche Kritik an den Regierungen der Euro-Zone geübt. Der IWF warf ihnen vor, nach zweieinhalb Jahren Rettungspolitik noch praktisch am Anfang zu stehen, und die Weltbank sieht wegen der verantwortungslosen Europäer bereits eine globale Rezession heraufziehen.

Die Kritik ist allerdings sowohl im Fall des IWF als auch im Fall der US-Regierung ein Ventil für innere Spannungen. Der IWF hat sich sehr tief in die Rettung der Euro-Krisenländer hereinziehen lassen und hat im Falle Griechenlands schon mehr Zugeständnisse gemacht, als es sein unbarmherziger Ruf hätte erwarten lassen. Er sieht sich darum der Kritik der Schwellenländer ausgesetzt, dass er zu viel Geld im wohlhabenden Europa ausgibt, und das zu milderen Konditionen, als sie in den neunziger Jahren in der Asienkrise galten.

Die US-Regierung ist sich wiederum mit der republikanischen Opposition darin einig, dass es im Wahlkampf hilft, einen Teil der eigenen wirtschaftlichen Misere auf die angeblich so unzuverlässigen Europäer schieben zu können. Die US-Wirtschaft würde sich ja erholen, wenn endlich die Europäer ihr Haus in Ordnung brächten und die Finanzmärkte beruhigten, geht die Melodie.

Doch ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt etwas ganz anderes: Die staatliche Schuldenlast ist in der Euro-Zone von 66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2007 auf 88 Prozent 2011 gestiegen. Das ist schlimm, aber in den USA schnellte sie im gleichen Zeitraum von 67 auf 103 Prozent hoch. Und während die Europäer mit dem Umsteuern begonnen haben, dreht sich die Schuldenspirale in den USA vorerst ungebremst weiter.

Außerdem hat die Euro-Zone nach außen kleine Überschüsse in der Leistungsbilanz aufzuweisen und die Differenzen im Inneren deutlich reduziert, während die USA weiterhin Defizite von rund drei Prozent des BIP haben. Wenn nach der Präsidentenwahl in den USA Anfang 2013 der Kassensturz folgt, dürfte das Bild, das Europa im Vergleich dazu abgibt, schon freundlicher aussehen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

Kommentare zu " Währungsunion in der Krise: Die verzerrte Sicht auf Europa"

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  • @bietchekoopen
    Ausgezeichnet auf den Punkt gebracht.

  • Widerspruch.
    Diese Artikel eröffnet einen anderen sehr wichtigen Blickwinkel!

    Die Bankenkrise hat in den USA ihren Ursprung. Durch die notwendige Bankenrettung erst entwickelte sich die Staatsschuldenkrise in Europa. Dies bleibt an forderster Stelle festzuhalten.

    Vergessen wurde in diesem Artikel ein Blick auf die Infrastruktur der USA. Man hat abgewirtschaftet, fast so wie es am Ende der sozialistischen Staaten war. Um auf den Stand von Europa zu kommen, muss die USA über 10 Jahre hinweg jährlich 250 Milliarden in die Infrastruktur stecken. Woher will ein so hoch verschuldeter Staat diese Mittel nehmen.

    Wen es den USA nicht gelingt, mit Hilfe der Finanzindustrie und Ratingagenturen, den Euro zu zerstören, dann kann sich die ehemals einzige Welt-Leit-währung nicht mehr entschulden. Inflation exportieren geht dann nicht mehr.

    Ich habe meine Dollars schon in Euro umgetauscht. Nur eine Frage von Monaten, wenn die USA am Abgrund stehen.
    Wir sollten uns durch die US-PR-Maschinerie nicht blenden lassen und vorbereitet sein.

  • Der Euro ist eine gigantische Sackgasse geworden. Mit undisziplinierten Teilnehmern, Selbstbedienungsmentalität, egoistischen und z.T. unfähigen Politikern. Das noch mit einem ESM zu krönen, ist die Fortsetzung einer Politik, die weder die Ursachen angeht, nooh einen tragfähigen Plan vorlegt. Deswegen wird der Euro auch trotz ESM krachend scheitern. Welche wirtschaftlichen, sozialen Verwerfungen möglich sind, möchte ich mir erst gar nicht vorstellen. Das einfachste wäre ein Rückabwicklung und eine Rückkehr zu nationalen Währungen - ansonsten Währungsreform und Enteignung, die häßlichen Alternativen zu einem gescheiterten Projekt.

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