Wahl in NRW
Heide Steinbrück

Beim Endspurt in einem Wahlkampf zählt nur noch eins: Prognosen über den Wahlausgang sollen die eigenen, noch zögerlichen Stammwähler mobilisieren, das Lager des Gegners dagegen entmutigen und so vom Gang an die Wahlurne abhalten.

Wenn die komplexen Argumentationsknäuel ohnehin nicht mehr zu entwirren sind, werden Wahlprognosen selbst zum Argument. Gute Zahlen generieren einen sich selbst nährenden Optimismus. Dementsprechend postuliert der SPD-Spitzenkandidat in NRW, Peer Steinbrück, bislang bei Umfragen hoffnungslos im Rückstand: „Wahlen werden in den letzten drei bis vier Tagen entschieden.“

Die Zahlen scheinen ihm Recht zu geben: Am Wochenende vor der Wahl ist der Vorsprung der Kombination Schwarz-Gelb von 10 auf 8 (Infas), 7 (Politbarometer) oder sogar nur 5 (Infratest) Prozentpunkte geschrumpft. Die 40 Prozent Unentschlossenen, darunter mehr SPD- als Unionsanhänger, will Steinbrück jetzt mit einer Mischung aus persönlicher Beliebtheit und Kapitalismusdebatte von der Couch hochtreiben.

In seinen Reden zeigt der Kapitalismus die Fratze, wenn die Verkäuferin zehn Euro Praxisgebühr abdrücken muss und sich gleichzeitig Zahnarztfunktionäre die Gehälter um 300 Prozent erhöhen. Wenn Steinbrück so die Heuschrecken aus den warmen Löchern des total staatlich reglementierten Gesundheitssystems herausklopft, soll die imaginäre allein erziehende Verkäuferin ebenso lang Beifall klatschen können wie die echten 300 Anzugsträger, die auf Einladung einer auf Steuersparmodelle spezialisierten Fondsgesellschaft mit Steinbrück im feinen Düsseldorfer Ständehaus dinieren. Diese Form der Kapitalismuskritik stützen auch Manager, die sonst ihre Steuer gerne mit Korea-Schiffen und Hollywood-Filmen minimieren.

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