Warum die deutsche Politik Seiteneinsteiger wie Paul Kirchhof dringend sucht und sie doch nicht will
Querschläger im Harmonium

Paul Kirchhof, "jener Professor da aus Heidelberg", kehrt geschlagen aus der Politik an seine Universität zurück Seine Niederlage gefährdet eine Spezies, die Deutschland dringender denn je braucht: Seiteneinsteiger. Sie pendeln irgendwo zwischen Kirchhof und Horst Köhler.

Professor klingt jetzt nach Halbtrottel. Mit seiner maliziösen Bemerkung über "jenen Professor da aus Heidelberg" hat Gerhard Schröder seinen Wahlkampf bestritten und in jeder Talkshow und auf jedem Marktplatz ergänzt, dass Heidelberg eigentlich eine sehr schöne Stadt sei. Umso dümmer sollte das den Professor dastehen lassen.

Ein zum Sozialrambo stilisierter Professor der bei jedem Angriff noch fahriger und hilfloser reagierte - selten hat eine Personalentscheidung mehr Stimmen gekostet: Dabei galt der Ex-Verfassungsrichter bis zum Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs als Lichtgestalt, seine Berufung in Merkels Kompetenzteam als Supercoup. Nun kehrt Kirchhof geschlagen aus der Politik an seine Universität zurück.

Seine Niederlage gefährdet aber eine Spezies, die Deutschland dringender denn je braucht: Seiteneinsteiger. Sie sollen Sachverstand einbringen in die Sinn entleerten Machtspielchen der Politik. Kirchhofs Forderung nach Steuervereinfachung und-senkung für alle - dies hätte auch Schröder in nüchterner Stunde wollen können. Auch die Pendlerpauschale, zur Säule des Sozialstaats hochgejazzt, steht auf der Abschussliste - im Programm der Grünen und auf Eichels Streichliste. Kirchhofs Fehler war, die Wahrheit im Wahlkampf zu sagen.

Damit ist er nicht der erste Seiteneinsteiger, der grandios mit dem Richtigen scheitert: Weil er das Rentensystem "Gefängnis für den Normalverdiener" nannte und den schnelleren Ausstieg aus dem Steinkohlebergbau forderte, musste Gerhard Schröders designierter Wirtschaftsminister Jost Stollmann 1998 das Handtuch werfen. Der erfolgreiche New-Economy-Unternehmer scheiterte am Funktionärskader der SPD. Sein Nachfolger war der Frühpensionär Werner Müller. Er wurde vom Kanzler aus der Dusche in die Pressekonferenz telefoniert und erfuhr erst aus dem Autoradio von seiner wahren Berufung. Müller verstand: Ohne jede Vision und linientreu verwaltete er das Amt - wenn schon Fachmann, dann wenigstens nicht so auftreten.

Mit dem ambitionierten Kirchhof aber, so die "Süddeutsche Zeitung", sei "das Expertentum, die Wahrnehmung von Wissenschaft in eine Krise von neuer Schärfe geraten".

Kirchhof und Stollmann - beiden fehlten elementare Fähigkeiten der politischen Arena: sich einer breiten Öffentlichkeit erklären zu können und Gegenangriffe unter der Gürtellinie wegzustecken. "Schade, dass der Professor auf Widerspruch und die Härte im Wahlkampf nicht vorbereitet war", sagt Hermann-Otto Solms, der FDP-Steuerhaudegen. Andere Seiteneinsteiger rasteten sogar aus im Kontakt mit dem Souverän: Peter Gloystein, Ex-Bankvorstand und Bremer CDU-Wirtschaftssenator, sah sich angepöbelt von einem betrunkenen Sozialhilfeempfänger - und schüttete ihm deshalb ein Glas Sekt ins Gesicht. Menschlich nachvollziehbar, politisch tödlich.

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