Warum die Wähler gestern eine große Chance verpasst haben
Gastkommentar: Ihr habt es verdient

Raju Narisetti, Chefredakteur des „Wall Street Journal Europe", erklärt, warum die Wähler in Deutschland am Sonntag eine große Chance verpasst haben.

Plötzlich gibt es zwei Sieger. Zwei Kandidaten, die ein Mandat für die Kanzlerschaft und ihr jeweiliges Reformkonzept reklamieren. Der Tag danach erinnert in all seinen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten an den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000. Damals lieferten sich George W. Bush und Al Gore nach der Stimmenauszählung in den Medien und vor Gericht eine erbitterte Schlacht um den Einzug ins Weiße Haus. Damals siegte Bush und fällte zahlreiche Entscheidungen, die unter einer Gore-Administration so wohl nicht gefallen wären - von den Steuersenkungen, ausufernden Budgetdefiziten bis hin zum Irakkrieg.

Auch Deutschland steht jetzt an einer Wasserscheide - politisch und ökonomisch. Die Wähler haben Angela Merkel das Mandat für den Wechsel verweigert - und gleichzeitig auch Rot-Grün abgewählt. Nun müssen sie mit der Erkenntnis leben, dass sie eine große Chance für eine klare Richtungsentscheidung vertan haben. Sie müssen nun ohnmächtig zusehen, wie sich in zähem politischen Geklüngel eine neue Regierung herausbildet.

Die gute Nachricht, so es denn überhaupt eine gibt, ist dass die Wirtschaft - auch ohne politische Rückendeckung - tatkräftig den Umbau der Deutschland AG angeht. Firmen wie Siemens und VW haben die Zeichen der Zeit erkannt und strukturieren konsequent um.

Die Größe eines Politikers zeigt sich in der Krise. Jedes demokratische Land verdient die Regierung, die es hat. Die Deutschen müssen daher mit den Turbulenzen und Verwerfungen leben, die sie durch ihre Unentschlossenheit hervorgerufen haben. Es sei denn, ihre Politiker wachsen über ihre Egos, ihre Animositäten und ihren persönlichen Ehrgeiz hinaus. Die Welt wird dies aufmerksam beobachten.

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