Weckruf für die Weltpolitik

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Weckruf für die Weltpolitik

Wahrscheinlich sind es solche unvorstellbaren Zahlen, die die Politik aus ihrem gepflegten Dornröschenschlaf wecken.

16 Billionen Dollar – ausgeschrieben sind das 16 000 000 000 000 Dollar – müssen nach einer Analyse des Weltklimarats der Vereinten Nationen rund um den Globus in den nächsten Jahren in kohlendioxidarme Technologien investiert werden, will die Menschheit den drohenden Klimakollaps noch verhindern.

Bis 2020 muss die Trendwende geschafft werden, mahnen die Forscher, andernfalls drohen Umweltkatastrophen, wie wir sie bisher nur aus Computersimulationen kennen: Die Erde erwärmt sich um mehrere Grad Celsius, Tausende Menschen sterben jährlich am Hitzschlag, der Meeresspiegel steigt durch das Abschmelzen der polaren Eismassen schlimmstenfalls um einen halben Meter. Die Insel Sylt versinkt in einer Unterwasserlandschaft, Sturmfluten und Wirbelstürme in Orkanstärke schlagen regelmäßig eine Schneise der Verwüstung.

Noch ist diese globale Katastrophe abzuwenden. Nötig ist vor allem ein radikaler Politikwechsel. Es geht um eine klimapolitische Vollbremsung. Die Menge der freigesetzten Treibhausgase muss schneller als bisher angedacht heruntergeschraubt werden.

Bundeskanzlerin Merkel hat gut daran getan, den Klimaschutz zum wichtigsten Thema der deutschen G8-Präsidentschaft zu erheben. Nur zusammen können die mächtigsten Industrienationen einen relevanten Beitrag zur Zähmung der beschleunigten Klimaveränderungen leisten. Doch mit reinen Absichtserklärungen ist es nicht getan. Merkel und die übrigen Staats- und Regierungschefs müssen auf dem Weltwirtschaftsgipfel konkrete Vereinbarungen treffen, wie sie die weltweiten Emissionen mindern. Alles andere bliebe hinter den Notwendigkeiten zurück, die der schockierende neue Weltklimabericht aufzeigt.

Glücklicherweise stehen die Zeichen für eine Einigung gar nicht schlecht. Selbst der sonst eher klimascheue amerikanische Präsident George W. Bush zeigt zunehmend Kooperationswillen. Innen- wie außenpolitischer Druck machen es dem US-Präsidenten immer schwerer, die Zustimmung zu einem neuen Klimaschutzprogramm zu verweigern. Ein kategorisches Nein wie beim Kyoto-Protokoll kann sich Bush nicht noch einmal leisten.

Wo die Reise hingeht, haben bereits die Umweltminister der Europäischen Union aufgezeigt. Sie wollen bis 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen in der Union um mindestens 20 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Dazu wird auch Deutschland einen umfangreichen Beitrag leisten. Der geplante Umbau der Kraftfahrzeugsteuer kann dazu beitragen. Sie soll sich künftig nur noch an der Schadstoffmenge, nicht mehr am Hubraum eines Autos orientieren und wäre ein weiterer Schritt zu weniger Kohlendioxidemissionen. Der Bund sollte daher das Angebot der Länder annehmen und die Kompetenzen für diese Steuer übernehmen. Dann könnte die Regierung Verkehrspolitik aus einer Hand betreiben. Ein Ergebnis sollte noch in diesem Jahr vorliegen. Die Zeit drängt.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
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