Wege aus der Krise
Island – ein Vorbild für die EU?

Vor vier Jahren kämpfte Island mit den gleichen Problemen wie die Euro-Südstaaten. Heute wächst die Wirtschaft wieder. Die Insel zeigt eins: Es gibt Alternativen zum Weg, den die EU geht.
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Exakt vor vier Jahren flehte der damalige isländische Ministerpräsident den Rest Europas um finanzielle Hilfe an. Wenn seine Nachfolgerin Jóhanna Sigurðardóttir aber heute mit ihren Kollegen aus Euro-Land spricht, ruft sie nicht nach Hilfe, sondern gibt eher Ratschläge. Denn mit einer Mischung aus Gläubigerbeteiligung, zurückhaltender Geldpolitik und geschickter Wirtschaftspolitik haben sich die Isländer in Rekordzeit in der Gruppe der am stärksten wachsenden Länder der industrialisierten Welt zurückgemeldet.

Ökonomen wie Paul Krugman oder der Internationale Währungsfonds preisen das Land als Vorbild in Sachen Krisenpolitik. Auch wenn man so weit nicht gehen muss, zeigt das Beispiel: Es gibt Alternativen zum Weg, den EU-Kommission, EZB und ein Teil der Mitgliedstaaten den Krisenländern aufzwingen.

Island bekam im Oktober 2008 als erstes Land mit voller Wucht zu spüren, was es bedeutet, wenn der Bankensektor außer Kontrolle gerät. Die Bilanzen seiner drei größten Banken waren in den Jahren zuvor auf das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts gewachsen. Weil die Institute stärker noch als die Konkurrenz in seltsame Immobilienkredite, Währungsgeschäfte und Finanzwetten verstrickt waren, brachen sie Ende 2008 in der Gemengelage rund um die Pleite von Lehman Brothers zusammen. Und sie rissen das Land mit.

Anfang 2009 waren 80 Prozent der isländischen Unternehmen und 30 Prozent der Privathaushalte de facto insolvent. Die Ausgangslage war also ähnlich wie heute in vielen Euro-Krisenstaaten: Wie in Irland, Spanien und Slowenien hatte eine zu große Finanzindustrie den Staat handlungsunfähig gemacht. Wie in Griechenland und Portugal drohte ein Komplettausfall der Privatwirtschaft. Während sich aber die Euro-Staaten durch eine Mischung aus Sparen und laxer Notenbankpolitik aus der Krise befreien wollen, entschieden sich die Isländer für einen anderen Weg. Sie haben den Gläubigern die Last auferlegt. Gut 85 Milliarden Euro mussten diese schultern.

Zwar verstaatlichte auch Reykjavik seine Banken, ließ sie dann aber in die Insolvenz gehen und teilte sie auf: Jede erhielt ein Basis-Geschäft, etwa Privatkundenangebote, das an den Markt gebracht wurde. Und je ein Institut, eine Art Bad Bank, in dem private Anteilseigner den Finanzschrott abtragen. Außerdem mussten die Banken den privaten Schuldnern bei Immobilienkrediten entgegenkommen: Alle Hypothekenwerte, die höher als 110 Prozent des neuen, tatsächlichen Verkaufswerts eines Hauses waren, wurden erlassen.

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Island akzeptiert seine Schuld

Kommentare zu " Wege aus der Krise: Island – ein Vorbild für die EU?"

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  • Island hat das richtige getan um eine Lösung herbeizuführen, dies liegt zum einen daran, dass die Menschen dort "klarer im Kopf" sind als bei uns.
    Es wurde ein Sonderstaatsanwalt eingesetzt und die Banker mussten sich dort für ihre Taten (Monopoly) verantworten.

    Die Bevölkerung weigerte sich die Schulden der Banken zu zahlen. (Die Europäer, Holländer, Deutsche, Engländer protestierten.....)

    Das der Finanzsektor (Monpoly) nun auf ein volkswirtschaftlich gesundes Maß "geschrumpft" und Kapitalverkehrskontrollen eingeführt wurden hilft mit Sicherheit dem Land.
    Bei uns scheint eine Beschschränkung der volkswirtschaft schädlichen Bankgeschäfte politisch nicht erwünscht, daher herrschen für die Finanzmarktakteure noch nahezu paradisische Zustände und wir sind noch weit entfernt von einer Marktbereinigung á la Island.

  • Der Grieche liegt richtig. WIR müssen raus aus dem Euro!
    Das ist das Vernünftigste. Die Südschiene kann dann endlich abwerten und unser Geld wird irgendwann wieder etwas wert sein. Bei den Verbindlichkeiten, welche Merkel und Schäuble uns auf's Auge gedrückt haben, wird es allerdings auch mit der DM schwer werden.
    Unser BVerfG hatte leider nicht den Mut, die ganzen "Rettungen", welche doch nicht funktionieren, als verfassungswidrig (was sie eigentlich sind) einzustufen.

    Hier mal meine gesammelten Zahlen:

    Target2 rd. 700 Mrd Euro
    Bürgschaften für den EFSF bei 253 Mrd
    ESM 190 Mrd
    Anteil Staatsanleihekäufe EZB 57 Mrd
    geplanter Europ. Einlagensicherungsfond 55 Mrd
    1. Rettungspaket Griechenland 17 Mrd
    unser IWF Beitrag zu den Rettungspaketen 15 Mrd
    Bürgschaften im Rettungsfond ESM 12 Mrd

    Vielleicht habe ich das eine oder andere auch noch vergessen. Wenn man bedenkt, wie groß die Aufregung wegen der 3 Mrd bei der Bayern LB war......
    Und nun?????

    Mir wird schwindlig - das kann nur zum Staatsbankrott unseres eigenen Landes führen.

    Haben wir doch selbst bereits eine offizielle Staatsverschuldung von rd. 2,1 Bio Euro. Merkel und Schäuble haben uns in den letzten 4!!! Jahren dank EU und Euro nochmal rd 1,3 Bio oben draufgepackt.

    Vielen Dank, liebe Politiker. Hättet ihr uns gefragt, hätte es diese Währungsunion NIE gegeben. Aber es wird nur über den Kopf der Bevölkerung hinweg regiert. Wenn's dann schief geht, war wieder niemand Schuld.
    Die Politiker müssten wie Unternehmer haften müssen.
    Dann würden sie solche Versuche erst gar nie unternehmen.

  • Das Problem hat doch mit dem Euro zu tun. Ohne Euro hätten sich die PIIGS nicht so maßlos verschulden können. Ohne Euro hatten sie bereits viel höhere Zinsen, z. T. 12%, zu zahlen. Ohne Euro hätten unsere Banken und Versicherungen nicht so viel Staatsanleihen maroder Länder angekauft, bzw. sogar gar nicht ankaufen dürfen! LV's durften nur Staatsanleihen von Ländern mit Triple A-Rating kaufen. Ohne Euro hatten das die meisten Länder gar nicht.

    Hinzu kommt das gesamtpolitische Versagen beim Target 2.
    In den USA müssen die einzelnen Bundesstaaten ihre Rechnungen nach 4 Wochen beglichen haben. Ansonsten müssen sie richtig Werthaltiges abliefern oder überschreiben (Aktienpakte, Gold, Immobilien). Hier in der EU hat an so etwas KEINER gedacht!

    Das Problem hängt grundlegend mit dieser verdammten Einheitswährung zusammen.

    Suboptimale Währungsräume dürfen keine gemeinsame Währung besitzen. Das musste schief gehen!

    Aber alle Ökonomen, welche davor warnten, wurde nieder gemacht. Nun ja, die Politiker werden die Suppe nicht auslöffeln. Für deren Fehler haftet wie immer der Steuerzahler.

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